Ein Abend mit Sofia Gubaidulina

Portraitkonzert der Sächsischen Staatskapelle

Die Idee, den residierenden Komponisten der Spielzeit – den Capell-Compositeur – enger ans Orchester zu binden und die Zusammenarbeit mit ihm zu vertiefen, kam von Robert Oberaigner, dem Soloklarinettisten der Staatskapelle. In dieser Saison ist Sofia Gubaidulina die Capell-Compositrice, und sie folgte der Einladung gern. So gab es am vergangenen Sonnabend ein langes Programm in der Schloßkapelle, dem ehemaligen Wirkungsort Heinrich Schütz‘.

Über fünf Stunden lang wurde das Werk der russischen Komponistin vorgestellt, dabei in drei Teilen präsentiert: zu Beginn erklangen frühere Werke, den »Wurzeln« zugerechnet, an die sich nach einer Pause die »Inspiration« anschloß, die besonders Bezüge auf andere Komponisten, Motive und schöpferische Quellen aufzeigte. Der Abend schloß »In tempus praesens« (so ein anderer Werktitel Gubaidulinas) mit besonderen Klangeindrücken des Bajans, aber auch mit jüngeren Stücken des 21. Jahrhunderts. In allen drei Abschnitten wurden den Werken der Compositrice Stücke von anderen Komponisten gegenübergestellt, die wesentliche Bezugspunkte in ihrem Leben und Œuvre darstellen: Dmitri Schostakowitsch (der ihr nach wie vor nahestünde, wie die Komponistin im Pausengespräch sagte) ist damit ebenso unabweisbar verbunden wie Johann Sebastian Bach, Anton Webern oder Viktor Suslin, ein enger Freund und Weggefährte.

Höchst anspruchsvoll stellt sich das Werk Sofia Gubaidulinas dar – für beide Seiten, Spieler und Zuhörer. Es beeindruckt immer wieder dadurch, daß jedes Werk, und sei es noch so »sperrig«, den Zuhörer mit einem Moment erreicht, sei es durch Klang, Impuls oder Melodie, der Stimmungen anregt. Die Musiker der Staatskapelle verstanden es aber auch, solch besondere Momente zu erwecken, wofür ihnen nicht nur die Komponistin dankte.

Zu Beginn erklangen vor allem Miniaturen (auch wenn sie nicht immer so benannt waren). Gubaidulina stellte in ihnen Stimmen einzelner Instrumente gegenüber, die höchst individuell blieben. Ob die Étuden für Harfe, Kontrabaß und Schlagzeug oder die »Duo Sonate« für zwei Fagotte – die Komponistin arbeitet stets mit Miniaturen, Fragmenten, Brechungen und ungewöhnlichen Klängen, allein schon durch die Kombination der Instrumente. Und selbst das »Allegro rustico« für Flöte und Klavier hat den Charakter einer Miniatur für zwei Individuen. In »Klänge des Waldes« zeigt sie sich (bei gleicher Besetzung) dagegen durchaus melodisch, streift mit pulsierenden Rhythmen die Grenze zum Jazz, während in den anfänglichen Étuden italienische Lieder eingebunden schienen.

Der mittlere Konzertteil war vor allem durch einen vertieften Bach-Bezug (Choral »O Haupt voll Blut und Wunden« sowie Ausschnitte aus der »Kunst der Fuge«) geprägt. Hier beeindruckten die Musiker aber vor allem in zwei Ensemblestücken Anton Weberns (Konzert Opus 24) und Sofia Gubaidulina (»Concordanza«). Während Webern die Instrumente immer wieder in anderen Gruppen zusammenfaßt, solistisch oder im Duo erklingen läßt, nimmt seine Musik durch den stetigen Fluß ein, der vom Getrieben sein bis zu Ruhepunkten reicht. Stille und Flüstern prägen Gubaidulinas Werk (besonders die eingangs gehörten Étuden), in »Reflections on the Theme B-A-C-H« für Streichquartett (Jacobus-Stainer-Quartett, diesmal mit Luke Turrell / Viola für Christina Biwank) scheint jedoch die gesamte Musikgeschichte machtvoll vereinigt.

In einem letzten Programmteil erfuhren die Zuhörer schließlich noch von der Wandlung des Bajans, einem ursprünglich volkstümlichen Instrument, das hier aber die Kammermusik bereicherte. Geir Drangsvoll, der gerade im Sinfoniekonzert unter der Leitung Donald Runnicles Gubaidulinas »Fachwerk« (Konzert für Bajan, Schlagwerk und Streichorchester) gespielt hatte, trat im Trio mit Violine (Tibor Gyenge) und Violoncello (Friedrich Christian Dittmann) sowie solo (»De profundis«) auf und zeigte, daß ein Bajan vom Atem, Wind- und Meeresrauschen bis hin zu scheinbar elektronischen Zerrklängen ein großes Spektrum hat. Er stellte in einem der Pausengespräche aber auch fest, daß sich sein eigener Zugang zu diesen Stücken durch so einen Abend verändere, da er einen neuen Blick auf das gesamte Werk Gubaidulinas gewinne und daraus Erkenntnisse für seine Interpretationen ableite.

Für den in jeder Hinsicht beeindruckenden Abend hatten sich die etwa vierzig Musiker der Staatskapelle weitere Gäste eingeladen, wie die Pianisten Andrej Kasik und Michael Schöch. Letzterer spielte mit Aleisha Verner (Violoncello) Viktor Suslins »Ton H«, ein Werk unseres Jahrhunderts, in dem der Komponist eine Metamorphose aufsteigender Tonskalen mit Vierteltönen beschrieben hat. Dem 2012 verstorbenen Suslin huldigte Sofia Gubaidulina mit dem Quartett »So sei es«, das an letzter Stelle erklang. Und noch einmal stand weniger die Synthese im Vordergrund als das Zusammenspiel von höchst ungewöhnlichen Partnern (Violine / Federico Kasik, Kontrabaß / Petr Kopelka, Klavier / Andrej Kasik und Schlagwerk / Simon Etzold), die sich umschleichen, sich belauern, miteinander spielen, aber partiell und temporär auch zusammenfinden.

Ein Abend voller Eindrücke, die vor allem den Geist anregten, und dennoch nur ein kleinster Ausschnitt aus so reichhaltigem Schaffen…

5. März 2017, Wolfram Quellmalz

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