Der Meistercellist

Cellist David Geringas bei den Meisterkonzerten

Der Abend habe mit russischer Musik nichts zu tun gehabt, sagte David Geringas zum Schluß, um ihm mit drei Liedern Sergej Rachmaninows als Zugaben doch noch etwas russische Musik anzufügen. Nicht russisch? Bezüge konstruieren ließen sich durchaus: Immerhin hatte Ludwig van Beethoven im Diplomaten Graf Rasumowski einen Freund und Förderer, Bachs »Goldbergvariationen« haben der Legende nach ihren Namen vom Cembalisten des Grafen von Keyserlingk, der einige Zeit Präsident der Russischen Akademie der Wissenschaften gewesen ist, und Johannes Brahms… Veranstaltete der nicht regelmäßig Piroggenessen mit seinen Freunden?

Aber der Reihe nach. David Geringas gehört zum Kreis der erlesensten Musiker, der herausragendsten Cellisten unserer Tage. Den Schüler von Mstislaw Rostropowitsch einmal in Dresden erleben zu dürfen, versprach ein einmaliges Erlebnis und stellte – Pardon! – seinen kongenialen Begleiter Ian Fountain von Beginn an etwas in den Schatten. Was ungerecht ist, denn das Programm folgte nicht einem Muster »Der brillante Cellist und sein Begleiter«, sondern verlangten eine innige musikalische Umarmung der beiden Partner. Johannes Brahms‘ Sonate Opus 38 ist ein Werk, in dem sich die beiden Singstimmen von Klavier und Violoncello warm umschließen – können, wenn es den Musikern denn gelingt. David Geringas und Ian Fountain belebten die durchglühte Innigkeit von Brahms‘ Komposition mit Könnerschaft und Seele.

Dem vorausgegangen waren zu Beginn Ludwig van Beethovens zwölf Variationen über ein Thema aus Georg Friedrich Händels »Judas Maccabäus«. Hier spannte das Duo einen weiten Bogen über zwölf Temperamente, beginnend mit einer eleganten Plauderei (Variation Nr. 1). Die beiden Musiker folgten einer expressiven, ausdrucksstarken Interpretation, ohne dabei den singenden Ton zu verlieren. Was auffiel: David Geringas versteht es, mit rauhem Bogenstrich und reichem Vibrato den Zuhörer einzufangen, verzichtet dabei aber auf aufgesetzte Effekte. Jedes Schwingen entwickelte sich vielmehr ganz folgerichtig aus dem Stück.

Aufhorchen ließ der mit »New Goldberg Variations« überschriebe zweite Konzertteil. Original waren hier nur die einleitende Aria sowie Variation XVI von Johann Sebastian Bach. Dem hatten zeitgenössische amerikanische Komponisten neue Variationen hinzugefügt, sich dabei aber stark auf die Melodie der Aria bezogen (im Gegensatz zu Bach, der die Baßbegleitung variiert hat). Einige der Stücke haben eine erstaunliche Eigenständigkeit erreicht und könnten auch für sich bestehen. Sie erinnerten, wie Richard Danielpours »Fantasy Variation«, an die Tonsprache Arvo Pärts oder György Ligetis (Kenneth Frazelle: Molto adagio und Presto), Peter Schickeles Driving entwickelte eine gehörige Rasanz. Mittendrin erklang eine Bearbeitung der Aria durch Ferruccio Busoni, die aber, gerade im Vergleich mit der Behendigkeit mancher neuer Stücke wie mit dem Original, behäbig und schwer schien. Die New Goldberg Variations, vom Musikliebhaber Robert Goldberg angestoßen und vor zwanzig Jahren uraufgeführt, leben weniger von der Evolution einer Melodie, sondern von weiter gefaßten Bezügen, die Kontraste und Verfremdungen schaffen.

Mit der Wiederholung der Aria, nun allerdings mit der Melodiestimme im Cello, schloß der offizielle Konzertteil. David Geringas und Ian Fountain hatten ihr Publikum aber derart »entzündet«, daß es auch nach den drei Liedzugaben noch mehr verlangte. Dafür gab es Rachmaninows »Vocalise«.

25. Februar 2017, Wolfram Quellmalz

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