Wie Bilder einer Ausstellung

Vladimir Jurowski und das Borodin Quartet bei der Sächsischen Staatskapelle

Es war ein in vielerlei Hinsicht ungewohntes Konzert: Allein schon die Besetzung der Konzerte mit einem solistischen Streichquartett ist eine Ausnahme. Abgesehen von Louis Spohrs hin und wieder gespieltem Werk erlebt man dies kaum einmal. Im 6. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle jedoch gleich doppelt, denn sowohl Erwin Schulhoff als auch Bohuslav Martinů hatten Gattungsbeiträge geleistet – die kaum unterschiedlicher hätten sein können. Gleiches trifft auf die beiden Sinfonietten Alexander von Zemlinskys und Leoš Janáčeks zu, mit welchen der Abend begann und endete. So erlebte das Publikum auch seitens des Orchesters unterschiedliche Gruppierungen – und das bei Werken, die im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben wurden. Ihre Entstehungszeit lag nur acht Jahre auseinander! Und nicht nur dies – Prag als prägender Ort, an dem jeder der vier Komponisten einmal gelebt oder gearbeitet hat, verband die Werke. Der Bezug zur Stadt war jedoch so unterschiedlich wie die Werke.

Die zwanziger und dreißiger Jahre waren mit einem wirtschaftlichen und sozialen Niedergang verbunden, der sich auch auf die Kultur auswirkte. So wie sich Punkte der Flucht, Vertreibung oder Internierung in den Lebensläufen der Autoren niedergeschlagen haben, finden sich Elemente der Düsternis in ihren Werken, jedoch ebenso Hoffnungsschimmer.

Schon Alexander von Zemlinskys Sinfonietta Opus 23 ist mit vielen Blechbläsern angereichert und Schlagwerken, denen die Streicher und die Konzertmeistervioline gegenüberstehen. Mit vielen wechselnden Episoden, nicht nur im zweiten Satz »Ballade«, legt das Werk eine hohe Frequenz der Abwechslung vor. Unter Vladimir Jurowskis Leitung bereitete die Staatskapelle viele kleine Klangüberraschungen auf, fand zu einem hellen, optimistischen Grundton.

Im Reigen der andere Werke, welche noch auf das pulsierende Leben der Zwanzigerjahre zu reflektieren scheinen, auch wenn sie von neuen Ängsten durchmischt waren, fällt Erwin Schulhoffs Konzert für Streichquartett und Blasorchester WV 97 allein seiner Besetzung wegen schon aus dem Rahmen. Schulhoff, der sich Strömungen vielleicht versperrte und erst dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wiederentdeckt wird, hat in seinen Kompositionen viele neue Elemente aufgenommen. So finden sich darin Anklänge an den Jazz ebenso wie eine Formensprache, die heute als Neobarock bezeichnet wird. In seinem Konzert behandelt er das Quartett wie ein Soloinstrument, setzt den Streichern aber nicht das ganze Orchester gegenüber, sondern läßt sie sich abwechseln oder mäßig begleiten, immer wieder gibt es dabei folkloristische Farbtupfer. Vor allem beeindruckte das Borodin Quartet mit der Stetigkeit eines Energiestroms, den es ab einer langen kadenzartigen Phase des ersten Satzes entfachte. Dennoch fehlte es dem akkurat gespielten Stück an innerer Spannung.

Nach dem fahl, beinahe grau endenden Werk begann das Schwesterstück nach der Pause geradezu zündend, feurig. Jetzt wieder mit einem »ganzen« Orchester, schöpften Vladimir Jurowski und die Staatskapelle aus dem Ideenreichtum Bohuslav Martinůs. Prächtig leuchtend und voll positiver Motive war das Konzert H207 das vielleicht mitreißendste Stück des Abends, lebte vom packenden Zugriff der Musiker und einem präzisen Dirigat. Und doch wurde einem da keine bunte Traumwelt aufgetischt – Zukunftsbangigkeit dämmerte schon bei Martinů auf, der das Adagio bar jeder Farbe beginnt, daraus aber neues Leben erwachen läßt. Auf einen musikalischen Höhepunkt folgte ein tonaler Abstieg – hell im Klang zwar auch hier, aber schon unter Tränen. Einzigartig war die Symbiose, in der Quartett und Orchester verschmolzen.

Hoffnungsfroher schien dann wieder die abschließende Sinfonietta Leoš Janáčeks. Eilig, melodisch, süffig – es zeigte sich wieder einmal, daß aus beklemmenden oder bedrohlichen Lebenssituationen nicht zwangsläufig eine Beklemmung der Tonsprache folgt. Vielmehr Lebenssuche und Lebenssucht, der Versuch, nicht nur Hoffnung zu formulieren, sondern ein gutes Ende (der Geschichte) »vorzuschreiben«.

Ein Konzert, das nicht nur mit Klangwelten beeindruckte, sondern in der Vielschichtigkeit der Gedanken reichlich Anregung zur Reflexion gab.

10. Januar 2017, Wolfram Quellmalz

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