Reden über…

Thomas-Bernhard-Abende am Staatsschauspiel Dresden

Ein kritischer Beobachter, ein mürrischer, spitzzüngiger, zynischer, gewitzter… was bzw. wer ist Thomas Bernhard gewesen? Die Position des zurückgezogenen in der Menge, der mittendrin beobachtet, aber nicht teilnimmt und aus diesem Zentrum berichtet, hat Thomas Bernhard mehrfach eingenommen. Und so berichtet er oft, was er – im Ohrensessel sitzend – dachte, als jemand etwas sagte oder tat…

Während alle auf den Schauspieler warteten, der ihnen versprochen hatte, nach der Aufführung der »Wildente« gegen halbzwölf zu ihrem Abendessen in die Gentzgasse zu kommen, beobachtete ich die Eheleute Auersberger genau von jenem Ohrensessel aus, in welchem ich in den frühen Fünfzigerjahren beinahe täglich gesessen war und dachte, daß es ein gravierender Fehler gewesen ist, die Einladung der Auersbergers anzunehmen.

So beginnt Thomas Bernhards Erzählung »Holzfällen, eine Erregung«. Und der Erzähler, der Chronist, wird den Ohrensessel während der folgenden fast 200 Seiten nicht mehr verlassen, aber berichten von der Gesellschaft der Auersbergers, welche zu einem »künstlerischen Abendessen« geladen haben. Er wird das Menü und die Kommentare Jeannie Billroth kommentieren, Gesten und Sätze entblößen – ohne sich zu beteiligen. Denn Bernhard (bzw. der Gast im Ohrensessel) sieht nur hin und berichtet.

Albrecht Goette sitzt nicht im Ohrensessel, er hat auf einem normalen Stuhl am Tisch platzgenommen, vor sich die Texthefte, tut nichts als – lesen. Die Verwandlung findet in der Stimme statt, das um so eindrucksvoller – Goette wird Bernhard, zynisch, scharfzüngig, genau. Ein Abend, ganz dem Text gewidmet, der bannt.

Auch an der Inszenierung der »Alten Meister« ist Albrecht Goette beteiligt, dort als Musikwissenschaftler Reger. Regisseur Anton Kurt Krause hat die »Alten Meister« in die »Alten Meister« verlegt – in Dresden allerdings, nicht im Kunsthistorischen Museum Wien. Und so müssen die Zuschauer auf eines verzichten: Tintorettos »Weißbärtigen Mann«, der hier nicht hängt.

Der Abend beginnt mit Ahmad Mesgarha als Gelehrter Atzbacher, mitten unter den Zuschauern. Das Stück im Museum bezieht die Museumsbesucher mit ein, und auch Herbert G. Adami entpuppt sich erst im Laufe als »falscher« Museumsaufseher Irrsigler.

Auch die »Alten Meister« sind ein Bericht. Sind Berichte. Die Berichte zweier Beobachter, die ihre Beobachtungen in den Jahren gesammelt haben. Sie ergänzen sich gegenseitig, fügen Erinnerungsstücke aneinander, umkreisen sich wie ein Doppelstern, bis das Auftauchen eines Engländers (Frank Siebenschuh), welcher behauptet, zu Hause im Schlafzimmer einen ebensolchen Tintoretto hängen zu haben und die Frage nach dem Original stellt, ihren Kosmos zum Stillstand bringt – nur für einen Moment. Denn letztlich bleibt alles, wie es ist, seit Jahren. Jeden zweiten Tag kommt Reger ins Kunsthistorische Museum und besucht danach das »Ambassador«.

Auch »Alte Meister« lebt vom Text, nicht von der Aktion. Das Schauspielerquartett ist beinahe statisch, Reger sitzt den ganzen Abend auf der Bank, dreht sich nur einmal, Atzbacher läuft – ein wenig – umher, nur die beiden Nebenpersonen sind agiler, brechen in die Szene ein, bringen Unruhe, essen gar Bananen und singen (Irrsigler).

Im Mittelpunkt steht die Sinnfrage, für jeden selbst, aber auch für die Kunst und den Kunstbetrieb. Warum Reger Atzbacher ausgerechnet an diesem Tag ins Kunsthistorische Museum bestellt hat, bleibt fast bis zu Schluß offen, doch – wird es überhaupt geklärt?

14. Dezember, Wolfram Quellmalz

Tips:

Albrecht Goette liest: »Wittgensteins Neffe, Eine Freundschaft«, am 15. Dezember (Kleines Haus Dresden)

»Alte Meister«, noch einmal am 8., 14. und 15. Januar (Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Alte Meister)

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