Grundton C als Nußschale, aus der eine Welt entsteht

Klavierabend von Grigory Sokolov im Gewandhaus zu Leipzig

Seinen Programmen gibt der russische Pianist Grigory Sokolov gerne einen inhaltlichen, musikalischen Rahmen, spielt einen ganzen Zyklus Étuden Frederic Chopins oder faßt Werke gleicher Tonarten oder gleichen Grundtons und eines Komponisten zusammen. Auch im Gewandhaus, wo Grigory Sokolov zuletzt mit schöner Regelmäßigkeit alle zwei Jahre zu erleben war, folgte er diesem Ansatz. Wiederum begann der Abend mit zwei Mozartsonaten: auf E-Dur und F-Dur in den zurückliegenden Konzerten folgte nun der Grundton C, zunächst in Dur, anschließend in Moll.

In Mozart findet Grigory Sokolov immer wieder eine Entsprechung, offenbart darin Welten, einen musikalischen Kosmos, ein unnachahmliches Gleichgewicht, daß durch keine Überladung, keinen Effekt oder Manierismus gefährdet wird. Hier stimmt einfach die Relation, denn der Pianist versucht nicht, sich selbst über den Komponisten zu setzen oder dem Werk eine »zeitgemäße« Deutung aufzuzwingen (was sich häufig als Eigensinn entpuppt). Und so kann sich auch die »Sonata facile« (KV 545) quasi natürlich entfalten, leuchten, singen, tanzen. Voller Zartheit läßt Sokolov sie erklingen, als fielen glitzernde Schneekristalle vom Himmel, bringt den Steinway-Flügel mit Leichtigkeit zum Klingen, als wäre er ein großes Cembalo mit Glöckchen-Register. Und doch sind es nicht die Klangeffekte, die Sokolov in den Vordergrund rückt, es ist die Musik – beglückend!

Kultiviertheit im Anschlag, Delikatesse in der Diktion – man möchte solche Konzerte den Klavierstudenten als Lehrstunde empfehlen, als Anschauungsmittel, wie immanent wichtig Übergänge, Pausen und der Schlußton sein können. Sie tragen wesentlich zum Fluß bei, zur Gestaltung, und können andererseits alles zerstören. Hier nicht – Grigory Sokolov hat das Maß, verleiht der Musik Puls und Atem, daß sie zu leben scheint. Und so führen minimale Verzögerungen nicht zu Stillstand oder Unterbrechung, sondern dienen dem Atemschöpfen, Innehalten, dem Fassen eines Gedankens. Mit Bedachtsamkeit führt er Wendungen herbei, leitet Teile ineinander über und schafft einen inneren Spannungsbezug. Das gilt gleichermaßen für die Sätze eines Werkes, welche vielleicht Motive oder Gedanken spiegeln, oder eben – typisch für den Pianisten – die ohne Unterbrechung aneinandergefügten Werke. Nach der betörenden Leichtigkeit der C-Dur-Sonate ließ Grigory Sokolov die grüblerischen Verflechtungen von Phantasie und Sonate c-Moll (KV 475 / 457) erklingen. Doch hier klingt es nicht nur, hier entdeckt einer die Musik – dies wiederum sollte manches Festival oder mancher Veranstalter zur Kenntnis nehmen: auch in Zeiten zunehmender »Eventisierung« von Konzerten ist deren »Aufgabe« doch eine andere: sie dienen dem Kunstgenuß!

In Mozarts komplexem Werkduo offenbart Grigory Sokolov die Beklommenheit ebenso wie den Lichtschein der Aufklärung, gestaltete kleine Dramen und löste sie auf – er hätte noch weitere Sonaten »anhängen« können! Doch zunächst ging es in die Pause…

Gleitende Übergänge und ausgesprochene Schlußakkorde ohne Überbetonung oder vorzeitigen Abbruch, davon profitierte auch der zweite Komponist des Abends – Robert Schumann. Es blieb beim Grundton C: auf die Arabeske Opus 18 folgte sein Opus 17 – noch eine Phantasie. Schnörkel, Girlanden, Ornamente, Arabesken – es sind eben KEINE aufgesetzten Dekorationselemente. In der Bildenden Kunst ebensowenig wie in der Architektur oder beim Couturier. Sie spiegeln eine Geisteshaltung wider, einen schöpferischen Impuls. Sie fallen nicht als Idee vom Himmel, sondern entstehen, haben Ursache und Wurzel. Wer sie als schöne Attitude versteht und aufgesetzt spielt, erreicht vielleicht den schnellen Erfolg des Effekts, wird dem Werk aber nicht gerecht. Gerade die vom Formenkorsett befreite Phantasie braucht eine geistige, luftige, freie Atmosphäre. Grigory Sokolov gewährt diese, er gibt dem Klang, den Motive Raum und Leben. Seine Tonerzeugung entspricht dem reinen Folgen (dem Werk), enthält keinen Zwang des Hervorbringens. Mit Kleinigkeiten, getupften Bässen etwa, eröffnet er Spannungsfelder, schafft ein Gegengewicht, regt Schumanns Perpetuum mobile an. Er scheint den Pfad der Gedanklichkeit nie zu verlassen, gibt einen Energiestrom frei, das Verhaltene schafft nicht nur Ruhe, sondern Halt, Stabilität. So beiden die Werken Schumanns beschreiben ein komplexes Kaleidoskop, das vom Glockenschlag bis zum Feenzauber ein ganzes Märchen zu enthalten scheint.

Und auch das gehört zu einem Sokolov-Abend: auf ein Programm von über zwei Stunden folgen meistens sechs Zugaben (manchmal sogar mehr). Und selbst jene, die weit nach zehn Uhr eigentlich nicht mehr abwarten und den Saal verlassen wollten, bleiben noch einmal an den Türen stehen und lauschen, wenn sich selbst im Nachklang Bezüge ergeben. Aus Schuberts »Moments musicaux« spielt der Pianist zum Abschluß, Mazurken Frederic Chopins, und stößt schließlich noch ein Fenster zum Impressionismus auf – als Ankündigung fürs nächste Konzert?

14. November 2016, Wolfram Quellmalz

Am 4. Februar ist Steinway-Preisträger Lukas Vondráček im Geandhaus zu erleben, wenige Tage später, am 12. Februar, folgt ihm Radu Lupu. Dann haben Klavierfreunde die Gelegenheit, dessen Interpretation von Robert Schumanns Phantasie C-Dur zu erfahren.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s