Wandern zwischen den Welten

Das Lied in Dresden mit Daniel Behle und Jobst Schneiderat an der Musikhochschule

Das Thema des Wanderns hat die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in diesem Studienjahr aufgegriffen, das damit verbundene Aufbrechen, Hinwenden – es ist in nicht geringem Maße eine Angelegenheit des Geistes. Das war schon immer so – Wandern, Singen und Musizieren gehören seit jeher zusammen, und so fügte sich der Beginn des Liederabends nicht nur mit Franz Schuberts »Das Wandern« ganz folgerichtig, es ging weiter um die Frage des Wohin? oder den Augenblick der Rast. Hinwenden meint aber nicht nur Weg und Richtung, es meint auch Menschen, wie die schöne Müllerin…

Daniel Behles Tenor ist kein ausgeprägt lyrischer oder dramatischer, sondern ein heller, leichter, vielgestaltiger. Sein Aufbruch geriet fröhlich und stürmisch, ohne daß darunter die Textverständlichkeit gelitten hätte. Artikulation ist wesentlich für das Lied, Daniel Behle kostete sie aus und fügte die entsprechenden Effekte hinzu, schärfte Aussagen aber auch dann, wenn ein Ritardando bremste, wo die Steine eigentlich schneller rollen mochten. Diese Wohlgesetztheit paßte dem Sinn nach, ließ aber manchmal eine innere Tiefe missen. Die »Brücke« gelang gerade dort, wo Daniel Behle übertrieb, wie in »Ungeduld«, womit er seinen Müllerinnen-Ausschnitt beschloß. Hier wähnte man den Sänger in der stetig gesteigerten Wiederholung »Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben« auf der Opernbühne – doch wer wollte ihm den emphatischen Ausbruch verübeln? Viermal blieb er unerhört! Da darf man wohl einmal heftig werden…

Auch im zweiten Teil, der mit Richard Strauss begann, schienen mit »Winterweihe« und »Waldseligkeit« das Wanderthema bzw. die bewanderte Natur durch. Und in die »Winterliebe« konnte man förmlich knisternd brennen fühlen.

In beiden Teilen fügte Daniel Behle den klassischen Liedern eigene Kompositionen bzw. Bearbeitungen hinzu. Schon vor der Pause waren die fünf Vertonungen des »Ringelnatz Zyklus« sowie »3 Hafis Lieder« erklungen. Auch als Komponist bewies Daniel Behle Maß und Sinn für die Gestaltung. Und so konnte man die Pappel in Ringelnatz‘ »Nachtschwärmer« wispern und die Schwärmer schwärmen hören. In der Tonsprache bleiben die Lieder gemäßigt modern, ohne gefällig zu werden, sie überzeugen in der Verwebung von Sing- und der Begleitstimme und der Vielfalt der Mittel. Man mag hier und da ein Stück Harmonik wiedererkennen (vielleicht aus dem »Rosenkavalier«) aber ein einheitliches Schema oder der Eindruck eines bloßen Nachempfindens stellt sich nicht ein. Der Komponist Behle arbeitet mit musikalischen Entsprechungen des Inhalts, läßt aber auch einmal Akkordschläge bedrohlich werden, während der Text noch von Seligkeit spricht. Jobst Schneiderat erwies sich dabei als ebenso beflissen und aussagekräftig wie bei Schubert.

Am Ende folgte auf Strauss eine Premiere: Erstmals präsentierte der Tenor Lieder aus seinem eben erschienen Album »Mein Hamburg« (dort begleitet vom Oliver Schnyder Trio) auf der Bühne. Mit Bearbeitungen aus Oper, Operette und Film sowie eigenen Kompositionen wendet er sich hier Hamburger Liedern und der Unterhaltung zu, eingerichtet für seine klassische Singstimme. Gelungen war der Ausflug, dem Publikum gefiel er durchaus, so ganz an Strauss fügen wollte er sich aber nicht. Was dem Abend manchmal fehlte, war weniger stimmliche Qualität als vielleicht Hinwendung, Seelentiefe.

7. November 2016, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s