Mehr Mut!

Mozart, Holliger und Mendelssohn zum Kammerabend der Dresdner Philharmonie

Das Streichquartett gilt nicht ohne Grund als die Königsdisziplin der Kammermusik – intensiv und intim ist der Austausch der vier Stimmen, ausgewogen. Man gesteht ihm die größte Ausgewogenheit innerhalb der Kammermusik zu. Diese Überhöhung führt (zunächst) aber auch zu einer Einschränkung in ihrer Besetzung »benachbarter« Werke: während Trios eine wesentliche Stimme fehlt, bergen Quintette ein Ungleichgewicht in sich. Daß dem durchaus nicht so ist, haben jedoch viele Komponisten bewiesen. Hinsichtlich der Quintette gibt es zwei Wege, den Kreis des Quartetts zu erweitern: Boccherini und Schubert nahmen ein zweites Violoncello hinzu (»italienische Besetzung«), Mendelssohn, Brahms und Dvořák eine zusätzliche Viola (»deutsche Besetzung«). Wolfgang Amadeus Mozarts C-Dur-Quintett KV 515 ist vielleicht das bedeutendste seiner Art und war vermutlich ausschlaggebend für die nachfolgenden, die gleiche Besetzung zu wählen.

Daß das Violoncello keineswegs die unterlegene Stimme oder »nach hinten gestellt« ist, bewies Matthias Bräutigam gleich zu beginn, als er Mozart mit süffigem Vibrato begann, dem sich der Lerchenton von Alexander Teichmanns Violine gegenüberstellte. Im Verbund mit ihren Mitspielern (Annegret Teichmann – Violine, Matan Gilitchensky und Harald Hufnagel – Violen) sponnen sie ein feines, ausgewogenes Gewebe. Trotz der durchaus dunklen Farben (Menuetto) behielt das Quintett einen luftigen, leichten Charakter, eine höfische, helle Eleganz. Wolfgang Amadeus Mozart ist es gelungen, aus dem Ungleichgewicht der Stimmen eine Harmonie zu erschaffen, die dem gleichkommt, was man in der Bildenden Kunst den »Goldenen Schnitt« nennt.

In vollkommener Ausgewogenheit spielten die Philharmoniker (nun um Antje Becker und Deborah Jungnickel – Violinen sowie Substitut Friedemann Herfurth – Violoncello erweitert) nach der Pause Felix Mendelssohn Bartholdys Oktett Nr. 20. Mit großer Lebhaftigkeit beschworen sie Spuk und Traumgebilde, wenngleich die Homogenität hier und da nicht ganz die Ausgewogenheit widerspiegelte, sich manche Begleitstimme etwas brummig in den Vordergrund rückte. Doch fiel auch auf, daß Mendelssohn manche überraschende Stimme eingewoben hatte, als bliese jemand sanft eine Oboe mitten unter den Streichern.

Gerade solche Effekte hatte Heinz Holligers Septett »Eisblumen« in Fülle parat. Als zweites Stück vor der Pause gehörte dem Werk zwar die Mittenposition, sozusagen der Gipfel des Abends, doch schien es zwischen den gewichtigen Klassikern etwas eingezwängt und kam, so dicht nach Mozart und auf Grund seiner Kürze, zu wenig zur Geltung. Heinz Holliger, der zunächst als Musiker und Dirigent in Erscheinung trat, gehört zu jenen Komponisten, welche Klangerfahrungen und das Wissen über die Spielweise von Instrumenten in ihre Arbeit einzubringen vermögen. Statt Algorithmen zu entwerfen und dann zu hören, wie sie klingen, scheint bei ihm zunächst eine Klangidee zu entstehen, so auch in seinem einem Gedicht Friedrich Hölderlins nachempfundenen Quintett. Mit je zwei Violinen, Violen, Violoncelli und einem Kontrabaß gelingt es ihm, durch Verfremdung nicht nur Fremdheit zu erzeugen, sondern ebenso Deutbarkeit. So vermeint man mitten unter den Streichern – wie von Ferne – eine Oboe, ein Fagott zu hören. Die sieben Streicher spielten Klangpartikel, Fragmente, die hier und da gebrochen, reflektiert, weitergegeben wurden. Die Philharmoniker belebten darin eine wahrhaft frappierende Eiswelt – das Werk schien jeder Farbe beraubt, bildete statt dessen eine Welt aus Kristallen und Strukturen nach, von Licht und Schatten. Man meinte förmlich zu hören, wie die Kristalle wuchsen und an Grenzen stießen – so wie Eisblumen, die über Nacht an einem Fenster entstehen. Knapp und konzentriert wurde Holligers Werk dargeboten, mit größtmöglicher Klarheit – da hätte man sich mehr vom Residenzkomponisten gewünscht!

7. November 2016, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wird am Dienstag (8. November) noch einmal auf Schloß Albrechtsberg wiederholt.

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