Babylonische Träume in der Yenidze

Heinrich Schütz Musikfest in Dresden

Vergangenen Freitag begann das vom Verein Mitteldeutsche Barockmusik veranstaltete Heinrich Schütz Musikfest in der Salvatorkirche Gera, kommenden Sonntag wird es mit einem Konzert im Jazzclub Tonne (Kurländer Palais) schließen. Bis dahin gastiert das Musikfest mit 22 Konzerten an verschiedenen Orten der Städte Bad Köstritz, Weißenfels, Gera, Zeitz und Dresden – alle haben einen Bezug zu Heinrich Schütz, der in Dresden als Kapellmeister die meisten Jahre verbrachte. Doch blieb er stets im Austausch mit anderen Höfen, reiste nach Venedig, verbrachte einige Jahre in Kopenhagen.

So ist das Motto des Jahrgangs 2016 »vom Besehn der frembden Länder« (Zitat aus einem Gedenkgedicht David Schirmers für Heinrich Schütz) naheliegend, und es verwundert nicht, daß es zum Dresdner Auftakt am Sonnabend in der Yenidze nicht Heinrich Schütz zu hören gab. In einem unter der Glaskuppel aufgespannten Zelt gastierten Saif Al-Khayyat und Nora Thiele und boten ihrem Publikum »Babylonische Träume« dar. Arabien und der Orient waren seit jeher eine sehnsüchtig beobachtete, exotische Welt, wovon in Dresden nicht nur die nachempfundene Architektur der Yenidze zeugt. Durch Handel und Reisende gab es schon früh einen Austausch zwischen den Welten, auch in der Musik, wo Musiker, Klänge und Werke den Weg über das Mittelmeer fanden. Heinrich Schütz hat solche Einflüsse in Venedig kennengelernt.

Und doch waren die »Babylonischen Träume« kein Konzert mit alter Musik der Vergangenheit, denn ganz im Gegenteil waren die meisten der gespielten Stücke erst in den letzten Jahren entstanden – nach überlieferten, heute noch lebendigen Regeln und Traditionen. Das Weitersagen, Erzählen, Improvisieren ist ein wesentliches Merkmal der arabischen Musik. Sie lebte über Jahrhunderte davon, weitergegeben zu werden, erst im zwanzigsten Jahrhundert hat man angefangen, sie aufzuschreiben und zu sammeln.

Das erzählerische Element war in den gehörten Werken spürbar, obwohl sie – mit einer Ausnahme – nicht gesungen wurden. Saif Al-Khayyat spielte eine Oud, eine orientalische Laute, von der vermutlich die europäischen Lauten abstammen, Nora Thiel hatte eine ganze Palette von Trommeln, meist Rahmentrommeln dabei, welche manchmal den Rhythmus vorantrieben, manchmal aber auch Gesprächspartner der Oud waren – wie in einer Märchenerzählung. Beide Musiker nutzten mannigfaltige Wege der Klangerzeugung. So kann die Oud weich singen und perkussiv rufen, Töne verwischen, während die Rahmentrommeln, teilweise mit Schellen oder Schallrohren versehen, ganz unterschiedliche Tonhöhen und -arten zu erzeugen vermögen und gesanglich werden können, getippt, geschlagen oder gestrichen werden.

Auch ohne einen nachverfolgbaren Text vermittelte die Musik Stimmungen, Klangfarben, pulsierendes Treiben oder meditative Stille. Die Namen der Instrumente und die Titel der Stücke konnte man assoziativ verstehen oder sie hatten eine doppelte Bedeutung. »Berührung« ist nicht zwangsläufig an Körper gebunden, auch Musik kann berühren. Das Konzert berührte auch nicht allein mit exotischer Musik, sondern ließ in eine Sphäre des Innen und Außen eintauchen und träumen.

9. Oktober 2016, Wolfram Quellmalz

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