Auftakt mit dem Gustav Mahler Jugendorchester

Mit Bach und Bruckner in der Semperoper

Mit dem Beginn der Spielzeiten geben sich die Orchester die Klinke in die Hand – mitunter sogar im gleichen Haus. Eingebettet in die beiden Eröffnungskonzerte der Sächsischen Staatskapelle mit Anton Bruckners dritter Sinfonie spielte das Gustav Mahler Jugendorchester dessen neunte. Man begann jedoch mit einer der Solokantaten Johann Sebastian Bachs.

»Ich habe genug« ist eine der Solokantaten, die, wenn auch nicht selten, so doch exklusiv sind – diese besonders. Daß der Titel auf eine im religiösen Verständnis zu sehende Lebensmüdigkeit hinweist, erkennt, wer sich in den Text vertieft, sie im Gottesdienst erlebt oder so berückenden Kantatenaufführungen wie jenen im Dresdner Marcolini-Palais mit den Studenten Hans-Christoph Rademanns beiwohnen kann. Das reine Konzert im großen Haus birgt hier die Gefahr der Verflachung, der Reduzierung auf die schönen Melodien. Das Gustav Mahler Jugendorchester unter der Leitung Philippe Jordans trat dem mit einer kleinstmöglichen Besetzung entgegen – ein kleines Bachensemble umgab im großen Haus den Sänger Christian Gerhaher sowie den Solooboisten Bernhard Heinrichs. Insofern ist die Bezeichnung »Solokantate« übrigens irreführend – trägt die Oboe als Solistin wesentlich zum Gesang bei.

Christian Gerhaher erspürte die intime Stimmung von der ersten Note an, wozu Philippe Jordan – soweit es überhaupt nötig war, einzugreifen – noch beschwichtigend einwirkte. Mit leisesten Tönen folgte das kleine Orchester dem Seelenhauch und ließ den Schlummer in der Arie »Schlummert ein, ihr matten Augen« fühlbar werden. Christian Gerhaher begann vorsichtig, durchbrach nicht, nahm Abschied, zog sich zurück. Dem intimen Gestus des Liedes klang er noch in den ersten Takten nach, fand dann aber zum Ton eines Oratorienerzählers. Gerade die Rezitative erweckten den Eindruck eines Evangelisten – allerdings hinderte dies den Bariton auch an einer größeren sinnlichen Vertiefung. So blieb Christian Gerhaher meist im Duktus des Erzählers, nicht des Erlebenden.

Mit Anton Bruckners Sinfoniefragment setzte das Gustav Mahler Jugendorchester seine Reihe der Bruckner-Aufführungen in Dresden fort. Das ist mutig, denn mit dem ein ähnliches Ansinnen verfolgenden Kapelldirigenten Christian Thielemann liegt der Vergleich meist zeitlich und örtlich sehr nahe, in diesem Jahr besonders. Scheuen müssen ihn Europas beste Musikstudenten keineswegs. Unter Philippe Jordans kundigen Händen fanden sie zu homogener Klangfärbung, grenzten Instrumentengruppen ein, wo es Akzente zu setzen galt, überzeugten mit Harmonie. Während ein untergründiger Baß von Beginn Kraft gab und antrieb, wohnte dem Orchester außerdem ein insgesamt (vergleichsweise) heller Klang inne. Gerade in Bruckners neunter Sinfonie entwickelte es damit einen melodischen Sog, der in allen drei Sätzen betörende Momente schuf. In Schönheit schwelgte das Adagio, während das Scherzo – als habe Bruckner hier noch ungetrübte seine Arbeit verfolgt, froh, leicht und beinahe keck daherkam, mit hellen Flöten im Trio. Doch das folgende Adagio sollte schon der letzte Satz sein, den Bruckner vollenden konnte (sieht man einmal von der Möglichkeit ab, daß er diesen vielleicht doch noch einmal überarbeitet hätte).

Kleine Brüche stellten sich hier und da ein, winzige Unsauberkeiten bei den Blechbläsern, ein leichter Spannungsabfall über dem gewaltigen Werk – doch bleiben solche Einwände marginal und schränken die Begeisterung nicht ein. Und: Es ist ja erst der Anfang, da kommt noch vieles von den jungen Leuten…

3. September 2016, Wolfram Quellmalz

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