Semester- und Saisonabschluß

Absolventenkonzert in der Musikhochschule

Das Orchester der Staatsoperette Dresden gehört zu jenen Klangkörpern, mit denen die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden eine langjährige Partnerschaft pflegt. Regelmäßig können sich dabei Solisten oder Dirigenten in der Praxis probieren, sei es auf Gastspielen oder im Konzertsaal der Musikhochschule. Die Zusammenarbeit mit dem Orchester der Staatsoperette könnte sich künftig noch besser gestalten, steht das Ensemble doch unmittelbar vor seinem Umzug in die direkte Nachbarschaft der Musikhochschule.

Das »Probieren« darf hier nicht mit einem unbestimmten »mal probieren« verwechselt werden. Gerade die Proben gestalten sich intensiv, erst recht dann, wenn man feststellt, daß Orchester und Dirigent unterschiedliche Fassungen eines Werkes auf ihren Pulten liegen haben. So geschehen bei Modest Mussorgskys Sinfonischer Dichtung »Eine Nacht auf dem kahlen Berge«. Aus dem Konzertsaal bekannt ist die Fassung Nikolai Rimsky-Korsakovs (eine von vielen Bearbeitungen, andere stammen von Leopold Stokowski, Gottfried von Einem und weiteren) – gerade die gab es am Freitagabend aber nicht. Denn aus der Situation der »Partiturdifferenz« entschied man, dem Publikum statt des geläufigen die wenig bekannte Urfassung zu bieten. Jan Arvid Prée, ehemaliger Kruzianer und jüngster Dirigenten am Freitagabend, ließ das Orchester die Szenen der Dichtung (Versammlung der Zauberer, das Gefolge Satans, Verherrlichung Satans und Hexensabbat) mit großer Lebendigkeit eindrucksvoll, fast plastisch ausmalen. Hier zeigte sich auch die Fähigkeit des Orchesters, musikalische Schauspiele zu beleben.

Von Sergej Prokofjews Klavierkonzerten wiederum werden häufig die späteren, vor allem drei und vier, gespielt. Im Absolventenkonzert erklang diesmal das erste. Und dieses enthält manche musikalische Überraschung, greift es doch auf traditionelle Formen ebenso zurück, wie es den Brückenschlag zu neueren vollzieht, zur Moderne, zum Jazz, zur Filmmusik. Pianistin Saemi Lee behielt in diesem beständigen Parcours der Formen eine perlende Leichtigkeit bei, glänzte in den Kadenzen, ob sie nun im Stile einer Toccata standen oder einem wilden Tanz, der an Improvisation denken ließ, entsprachen. Dirigent Felix-Immanuel Achtner gab dem Werk die innere Bindung, so daß es nicht in Einzelteile oder ein eklektizistisches Puzzle zerfiel – Prokofjew hatte viele Bezüge im Spiel mit den Traditionen genommen, die das Orchester treffend wiedergab.

Mit zwei Kantatenszenen Joseph Haydns gab es nach der Pause abermals einen ungewöhnlichen Beitrag. Beide, »Miseri Noi, Misera Patria« und »Bereniche, che fai?« sind dramatisch angereichert und stehen damit der Oper nahe. Die in Dresden geborene Viktoria Wilson gestaltete schon die Rezitative samten und geschmeidig. Nicht nur erzählerische Ankündigung waren sie, sondern Überleitung in die Arie. Auch in den Koloraturen war die Sopranistin sicher, so dass ihr Ton in Farbigkeit und Charakter ohne Brüche blieb. Nur im Finale forcierte sie in der Höhe etwas stark. Das Orchester (diesmal in kleiner Besetzung, Leitung: Sung-Yun Lee) bewies auch hier Theatererfahrenheit und war ein kongenialer Sängerbegleiter.

Mit Johannes Brahms‘ Variationen nach einem Thema von Haydn fand das Semester seinen Abschluß. Dirigentin Shinae Lee war übrigens keine Absolventin, sondern hat wie die anderen Studenten noch ein paar Semester vor sich – die Absolventen waren diesmal jene Orchestermusiker, die an der hiesigen Musikhochschule ausgebildet worden waren. Die Charaktere der Variationen kontrastierten zwischen freudig strahlend, bedächtig und prächtig, besonders schön gelang Shinae Lee Variation VII Grazioso. Das Finale leitete schließlich in die Sommerpause.

16. Juli 2016, Wolfram Quellmalz

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