Seelenverwandte Quartette

Kammerkonzert mit dem Vogler-Quartett in der Hoflößnitz

»Ist es wahr?« hatte das Vogler-Quartett sein Konzert am Sonntag übertitelt und damit Bezug genommen auf eine Verbindung zweier Komponisten: Ludwig van Beethoven hatte im vierten Satz seines Quartetts Opus 135 die Frage »Muß es sein?« in Noten gesetzt und gleich darauf »Es muß sein, es muß sein!« geantwortet. Mendelssohn, der sich schon in früher Jugend mit Beethovens maßgebenden Quartettkompositionen befaßte, hatte dem Finale seines Opus 13 ein eigenes Liedzitat eingepflanzt – »Ist es wahr«. Aber auch in der Behandlung der vier Streicherstimmen finden sich Parallelen zwischen beiden Komponisten, ohne daß Mendelssohn im Verdacht einer Nachahmung stünde – lange vor seinem a-Moll-Werk schon hatte er zu einer eigenen Sprache gefunden.

Das Vogler-Quartett stellte aber nicht die beiden »Fragequartette« gegenüber, sondern hatte aus Beethovens Œuvre Opus 95 in f-Moll ausgewählt. Im kleinen Raum der Hoflößnitz, der eine perfekte Kammermusikumgebung war, erfuhr das Werk eine ungeheure Dringlichkeit und Unmittelbarkeit. Der Komponist hatte hier die Erlebnisse des Kriegsjahres 1809 verarbeitet, weshalb auch der zweite, eigentlich langsame Satz, in recht flottem Allegretto daherkommt. Dennoch vermittelte er Beruhigung, die Stephan Forck mit samtenem Cello anstimmte, bevor Stefan Fehlandt (Viola) mit dem Beginn des Fugatos noch stärker verinnerlichte – für den Moment, denn in den beiden letzten Sätzen stürmt Beethoven wieder davon. Das Vogler-Quartett hielt die Spannung des Energiestroms von der ersten bis zur letzten Note – packend!

Mendelssohns Opus 13 schien gleichfalls von jenem Beethoven’schen Impetus getrieben, darüber hinaus aber mit noch mehr Gedankenklarheit in den Stimmen zu »sprechen«. Allerdings war die Wucht, mit der die vier Musiker diesem Ansatz folgten, etwas viel, der erste Satz für den kleinen Raum übermächtig. Mit dem zweiten (diesmal wirklich ein Adagio) gewann jedoch die Klarsichtigkeit Oberhand, das kleine Fugato erwies sich als kontrapunktische Perle, die von den vier präzise ausbalancierten Stimmen eingeschlossen war. Wie schon bei Beethoven entwickelten sich die folgenden Sätze aus den vorhergehenden geradezu organisch. Zunächst konnten die Zuhörer erleben, wie sich die aus dem Pizzicato kommenden Stimmen nach und nach der ersten Violine (Tim Vogler) zugesellten, im Presto-Finale entfesselte das Quartett die Lebendigkeit eines Insektenschwarmes.

Zwischen den beiden seelenverwandten Quartetten waren fünf Stücke für Streichquartett von Erwin Schulhoff plaziert, einem Komponisten, dessen Werke das Vogler-Quartett seit langem pflegt. Seine Stücke wären nicht nur beim ersten Hören wirkungsvoll, sondern würden von Mal zu Mal besser, erklärte Tim Vogler. Keines der an Tänze wie Walzer, Tango oder Tarantella angelehnten Stücke ist gemächlich oder folgt einem Schreiten, gerade die Unterscheidung in schnellen, geradezu hitzigen Tempi, in burlesken oder volkstümlichen Charakteren gelang dem Quartett hervorragend – Schulhoff ist keine Raserei. Kein Wunder, daß Frank Reinecke (zweite Violine) für die Zugabe noch einmal Schulhoff ankündigte, Satz drei aus dessen erstem Streichquartett.

11. Juli 2016, Wolfram Quellmalz

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