Schumanniade, die neunte

Schumann-Fest in Reinhardtsgrimma und Kreischa

Im Zweijahresrhythmus findet die Schumanniade Kreischa statt, deren Schirmherr und aktiver künstlerischer Leiter Peter Schreier ist. Er greift nicht nur gestaltend ein, sei es in im Hinblick auf die Programmzusammenstellung oder das Dirigat, er holt auch Musiker von Weltrang ins Lockwitztal. Und so kam das Publikum zur Sonntagsmatinée, die gleichzeitig Abschlußkonzert war, in den Genuß eines Klaviervormittages mit Alexander Krichel.

Der Ausnahmepianist, der mit der Dresdner Philharmonie bereits eine ausgezeichnete Rachmaninow-CD aufgenommen hat, begeisterte schon das Publikum in der Frauenkirche (begleitet von Preußens Hofmusik) und war in der Chemnitzer Konzertreihe »Meister auf Flügeln« zu erleben. Ins Schloß Reinhardtsgrimma brachte er Werke von (natürlich) Robert Schumann mit, von Franz Schubert und Felix Mendelssohn-Bartholdy sowie vier Liedbearbeitungen.

Der Veranstalter hatte für den Konzertsaal einen Flügel der Bayreuther Manufaktur Steingraeber & Söhne bereitgestellt – wie schön, daß man sich vom gewohnten Standard abzuweichen traute. (Wir freuen uns besonders, denn die Neuen (musikalischen) Blätter haben schon für eine Vielheit plädiert und sich gegen den konditionierenden Effekt einen InstrumentenmonoTONie ausgesprochen!) Der bereitgestellte Flügel zeichnete sich durch ein besonders weiches Klangbild aus, was gut zum Ort paßte, gleichwohl hatte Alexander Krichel kein Problem, sich auf das Instrument einzustellen.

Im Gegenteil – gleich mit Mendelssohns »Variations sérieux« zauberte er eine Klangvielfalt und Tiefe herbei, die man nur selten zu hören bekommt. (Der letzte Vergleich bei diesem Werk lag erst wenige Tage zurück und viel frappierend aus!) So legte der Pianist nicht nur typisch Mendelssohn’sche Elemente wie Farbigkeit und Leichtigkeit offen, sondern lotete eine ganze Palette an Charakteren in den Variationen aus, schärfte Kontraste, tupfte Bässe, ließ den Hirschbach (oder war es der Lockwitzbach?) munter plätschern und schien selbst den Regen der vergangenen Tage musikalisch einzuschließen. Doch Alexander Krichel verlor sich nicht allein im Schärfen von Kontrasten, sondern zeichnete feine Abstufungen von Licht und Schattierungen, näherte sich damit Schumanns Werken, als seien schon hier Florestan und Eusebius losgelassen, ließ dabei aber die Metrik und Komplexität Bachs durchschimmern – schon jetzt war das Publikum erweckt.

Mit einer frühen Sonate (A-Dur, D 664) ließ Alexander Krichel einen jungen Franz Schubert erklingen, der seine Sonate nah am Lied komponierte. Daß auch hier subtile Schatten auf heiteren Sonnenschein fielen, wußte der Pianist gekonnt zu verbinden, doch blieb die Sonate von Leichtigkeit geprägt.

Über Franz Liszts Liedbearbeitungen kann man natürlich streiten – auch dafür trifft man sich schließlich zur »Schumanniade«, um sich auszutauschen, zu streiten, um neu zu hören. Franz Schuberts »Ständchen« schien (dem Rezensenten) trotz aller Krichel’schen Raffinesse in der Liszt-Fassung nicht nur lang, sondern auch süßer – da paßt (mir) das Originalmaß besser. Doch gleich mit dem »Erlkönig« rückten solche Vergleiche in den Hintergrund, denn was Alexander Krichel nun entfachte, war (wie schon bei Mendelssohn) eine kleine Theateraufführung. Wie er Angst, Schrecken, Bangen und Tod in Musik goß, bedrohliche Hatz und beklemmende Rufe darstellte, kann man getrost »genialisch« nennen. Noch einmal zeichnete der Pianist subtil, Textzeile für Textzeile, ohne der bloßen Steigerung allein zu vertrauen – der Tod hat bei Schubert etwas sehr stilles.

Eine andere Paarung, diesmal nach Schumann, folgte mit »Frühlingsnacht« und »Widmung« nach der Pause. Doch der klangliche Höhepunkt und Abschluß waren Robert Schumanns Symphonische Etüden (in der Fassung von 1852). Noch einmal wurden hier Figuren gezeichnet, nuanciert und fein abgestuft, so gab es getriebene und (an)treibende, waren sinnende und gedankenschwere deutlich zu unterscheiden, ebenso wußte Alexander Krichel zwischen fröhlichem Verhalten und heiterem Sinn zu differenzieren. Ganz nebenbei verzückte er mit virtuoser Beherrschung, die nicht ohne Maß daherging. Während manche der Etüden ineinander überflossen und sich gegenseitig Energie zu spenden schienen, sorgten kleine Pausen, etwa vor der Beruhigung im vorletzten Teil, für Einhalt auch im musikalischen Sinn.

Nicht erst jetzt, schon nach anderen Stücken hatte Alexander Krichel viele »Bravi« bekommen, ein »hervorragend« flog ihm entgegen. Nicht zuletzt konnte er mit wenigen Worten vermitteln und zeigte sich fähig zur Selbstironie (»Das Ego ist bei einem Künstler nicht zu unterschätzen«). Der Pianist bedankte sich auf seine Weise: mit der Eigenkomposition >Lullaby«.

20. Juni 2016, Wolfram Quellmalz

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