Aufarbeitung einer Krise

Lot Vekemans »Gift« am Dresdner Staatsschauspiel

Im Rahmen eines Gastspiels war das Deutsche Theater Berlin Ende Mai für zwei Vorstellungen zu Gast im Dresdner Schauspielhaus. In Lok Vekemans Dialogstück »Gift« waren zwei der bekanntesten deutschen Schauspieler zu erleben: Dagmar Manzel und Ulrich Matthes.

DAS STÜCK

»Sie« und »er« treffen sich in einer Friedhofshalle wieder. Ihr gemeinsamer Sohn kam vor Jahren bei einem Unfall ums Leben, danach zerbrach ihre Ehe, sie gingen auseinander. Fast zehn Jahre haben sie sich nicht gesehen oder gehört, nun brachte sie ein Brief wieder zusammen: Der Boden des Friedhofes, in dessen Erde der Sohn Jacob bestattet wurde, ist durch Gift verseucht. Gräber sollen umgebettet werden, man will mit den Angehörigen besprechen, was nun passieren wird.

Doch zum Termin kommt niemand außer den beiden – »ihm« und »ihr«. Nach vorsichtiger An- und Abtastung beginnen sie über sich zu sprechen, Streit, Disput nachzuholen, sich Vorwürfe zu machen, aber auch zu erklären, was sie fühlten, was sie verletzte. Und sie verletzen einander erneut.

»Sie« konnte den Schmerz, das Geschehene nie verarbeiten, weder den Tod des Sohnes noch die Tatsache, daß ihr Mann sie verlassen hat, einfach so. Scheinbar einfach so, am 31. Dezember 1999. Doch wie sich zeigt, spürt er den Schmerz ebenso, vermißt er den Sohn auch. Immer noch. Jeden Tag. Dennoch hat er ein neues Leben begonnen, ist weggegangen, hat wieder geheiratet, wird bald wieder Vater. Sie dagegen ist dageblieben, allein, kann nicht neu anfangen. Es zeigt sich aber auch, daß niemand wirklich abschließen kann, daß jeder seine Vergangenes immer mitschleppen wird. So ist der Schmerz des Vaters und Mannes ebenso allgegenwärtig wie das Verlangen und die Sehnsucht der Mutter und Frau. Am Ende finden beide wieder zueinander, zumindest etwas, ohne daß dies eine Lösung oder ein Abschluß wäre. Aber die Möglichkeit eines Weges könnte es sein. Sie gehen nicht »als Freunde« auseinander, die sich regelmäßig besuchen, aber es wäre schön, wenn sie künftig voneinander hörten…

DIE INSZENIERUNG

Christian Schwochow läßt die beiden Protagonisten in der Leere warten, (sich) bekennen und ihren Schmerz herausschreien. Dazu hat Anne Ehrlich die unpersönliche und sterile Umgebung einer Wartehalle geschaffen: Plastestühle, Blechwände, Kaffeeautomat. Dieses Nichts schafft praktisch nur äußere Grenzen, Licht und Schutz vor Regen. Es sind die Grenzen, innerhalb derer zwei Menschen agieren, sich positionieren, abwechselnd Distance und Nähe suchen, bis »sie« auf »ihn« einzuschlagen beginnt – umarmen fällt schwerer und gelingt erst zum Schluß.

Das Publikum scheint amüsiert, zumindest zu Beginn, folgt den Szenen einer (vergangenen) Ehe, die anfangs noch an Stereotypen eines Paarberaters oder Comedians erinnern. Doch darum geht es hier nicht. Es geht um Bekenntnisse und Verletzungen. Um Fehlbarkeit und Vertrauen. Urvertrauen und das Vertrauen in eine Zukunft, abseits von Zielvereinbarungen, aber auch mit Hoffnung dann, wenn Träume unerfüllt bleiben oder zerstört scheinen.

Sich gegenseitig abtasten – den ehemals vertrauten Menschen nach langen Jahren wiedererkennen – vieles ist mehrdeutig, interpretierbar, mißverstehbar, kann sich ebenso auf die Warte- wie auf die Paarsituation beziehen (»Ich finde das schwierig hier«). Nach und nach rekonstruieren »sie« und »er« ihre Vergangenheit, und aus dem Bekennen und Erkennen wächst zaghaft ein neues Vertrauen und die Chance eine Neuanfanges, der aber nichts »abschneidet« oder hinter sich läßt.

Fast pausenlos reden »sie« und »er« nach zaghaftem Beginn miteinander, ohne ins Stocken zu geraten. Schließlich können sie sich gegenseitig endlich erzählen, was bisher noch keiner zu sagen gewagt hatte oder sagen konnte: vom Ende des Sohnes, was sie fühlten, wie sie sein Sterben erlebten.

»Gift« ist ein intensives Stück, eine Berg- und Talfahrt, eine Herausforderung für die Schauspieler, die in etwa achtzig intensiven Minuten Emotionen spielen müssen, Schmerz, Leid, Groteske, Entspannung, Humor, Wut… Spontan und glaubhaft gelingt Dagmar Manzel und Ulrich Matthes dies, dabei verzichten sie auf die Selbstzerfleischung eines Schreitheaters, setzen lieber auf die Fehlbarkeit und Mißverständlichkeit des Augenblicks, der spontanen Reaktion, darauf, daß manchmal etwas anders gesagt als gemeint ist und daß man es nicht einfach zurücknehmen kann. Daß hier nichts spontan ist, sondern mit Disziplin und Präzision eingeübt, vergißt man aber schnell.

30. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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