Dresdner Musikfestspiele: Dreimal Beethoven im Palais im Großen Garten

Leonidas Kavakos und Enrico Pace spielen an drei Abenden sämtliche Sonaten für Klavier und Violine

In Lew Tolstois Novelle »Kreutzersonate« erzählt der freigesprochene Mörder Posdnyschew einem Reisegast die Geschichte seines Lebens: aus Eifersucht brachte er seine Frau um, die – von ihm vernachläsigt – am Klavierspiel und dem gemeinsamen Musizieren mit einem Geiger Gefallen gefunden hatte. Zu großen Gefallen, glaubt Posdnyschew, der sich in einen Wahnhaften Zustand steigert und seine Frau schließlich tötet. Ausgangspunkt für Tolstois Werk war Beethovens titelgebende neunte Violinsonate, welche den Abschluß dreier Abende bildete, an dem der griechische Ausnahmeviolinist Leonidas Kavakos und sein Partner Enrico Pace Beiträge Ludwig van Beethovens zu Gattung aufführten. Die Programmzusammenstellung folgte dabei nicht der Chronologie, sondern faßte Stücke unterschiedlichen Charakters und verschiedener Jahre zusammen.

Am Montagabend wurden jeweils zwei der drei Sonaten aus den Opera 12 und 30 (Sonaten 6, 3, 2 und 7) gegenübergestellt. Für die beiden Werke vor der Pause fanden Enrico Pace und vor allem Leonidas Kavakos ungemein zarte Töne, die wie ein Hauch im Palais schwebten. Doch »immer ganz sacht« galt hier keineswegs, und so schattierten die beiden Musiker gerade für die im Charakter elegante zweite Sonate herb und aufgerauht, bevor sie glühend rasant und mit einem pulsierenden Scherzo versehen ein (vorläufiges) Finale in c-Moll formulierten.

Auffallend war an allen Abenden der Augenkontakt der beiden Künstler. Während sich Pace jeweils an seinem Partner orientierte, schaute dieser oftmals ins Publikum, als wolle er sich vergewissern, ob dieses ihm auch folge und die Feinheiten der Beethoven’schen Stücke erspüren könne.

Leonidas Kavakos war schon mehrfach in Dresden zu Gast, spielte mit Elisabeth Leonskaja sämtliche Brahms-Sonaten und zuletzt Sibelius‘ Violinkonzert mit der Sächsischen Staatskapelle. Es ist bemerkenswert, wie stark der Geiger in der Lage ist, sich auf Werke einzustellen und einen jeweils anderen Ton zu finden.

Zwei der Sonaten Ludwig van Beethovens haben sich einen besonderen Platz in der Musikgeschichte erobert: die fünfte (»Frühlingssonate«) sowie jene neunte (»Kreutzersonate«). Sie erklangen jeweils an den beiden folgenden Abenden am Dienstag und Donnerstag, doch auch hier in sinnfälligen Gegenüberstellungen. So machten Leonidas Kavakos und Enrico Pace einerseits klar, daß die Sonate Nr. 4 ihrer Schwester an musikalischem Gehalt ebenbürtig ist. Sie entwickelten nach sanftem Beginn und dem zarten Liebeslied des Andante ein feuriges Allegro-Finale. Geradezu frappierend geriet Beethovens letzter Gattungsbeitrag, der nicht nur einen konzertanten Charakter hat, sondern der Violine auch weiten Raum für ihren Gesang einräumt.

Daß viele der Sonaten dagegen von einer Gleichrangigkeit der Instrumente geprägt sind, wurde gerade durch die zyklische Aufführung besonders deutlich, denn Violine und Klavier wechseln oftmals die Gesangsstimme miteinander, wie schon in der ersten von Beethovens Sonaten, mit welcher am Donnerstag der Abschlußabend begann. Enrico Pace ließ dies Singen perlend verströmen und belebte das Werk mit bedächtigem Tastendruck im Baß.

Wenn solch erfahrene Partner sich in Musik verlieren, können sie – ganz ohne Spitzfindigkeiten – auch das gewohnte bereichern, durch synkopische Betonungen etwa, gerade in der Frühlingsonate oder in der achten. Höhepunkt und Finale war jedoch die intensive, glühende, fast überschäumende Interpretation der Kreutzersonate. In ihren Ruhepunkten konnte man spüren, welch Geschenk Beethoven der Menschheit da hinterlassen hat! Im Gegensatz zu Tolstois düsterem und schrecklichen Werk war dieser Konzertabschluß frei von negativen Stimmungen, erweckend mit einem keck angeschlagenen Klavier und munterem Tarantella-Rhythmus.

Wer so fein Brillanz und Sinn zu vermitteln versteht, von dem wird natürlich noch etwas extra erwartet. Mit Zugaben Igor Strawinskys (»Dithyrambe« aus dem Duo concertant für Violine und Klavier und »Danse Russe« aus der »Petruschka«-Suite) sowie Franz Schuberts Andantino aus der A-Dur-Sonate bedankten sich die beiden Gäste bei ihrem verzauberten Publikum.

20. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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