Dresdner Musikfestspiele: WDR Sinfonieorchester Köln in der Frauenkirche

Arabella Steinbacher und Marek Janowski sorgen für überraschenden Klangzauber

Die erste Hälfte des Konzertes am Freitagabend gehörte ganz der Violinistin und den Werken: Mit Ralph Vaughn Williams‘ »The Lark Ascending« und Ernest Chaussons »Poème« standen zwei Stücke auf dem Programm, die man sonst eher auf einer Entdecker-CD von Hyperion als im Konzert zu hören bekommt. Die Entstehungszeit der beiden gut viertelstündigen Werke liegt 25 Jahre auseinander, doch nicht nur im Stil und Zeitgeschmack unterscheiden sie sich. »The Lark Ascending« beschreibt den Gesang der Lerche, der sich (mit ihr) erhebt, wofür Williams das Soloinstrument klar in den Vordergrund gerückt hat und dem Orchester meist nur eine grundierende Funktion zuweist. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei »Poème« um ein Konzertstück in sehr freier Form mit ausgeprägten Beziehungen zwischen Solist und Ensemble.

Arabella Steinbachers Spiel zeichnet eine große Ausgewogenheit aus, einen ungemein warmen, schönen, singenden Ton, der weder strahlende Brillanz oder zärtliches Flüstern betont, sondern auf einem berührenden Klang beruht. Damit ergreift sie ihre Zuhörer ganz unmittelbar, es scheint, als Ziele ihr Spiel direkt ins Herz. In Verbindung mit den zauberischen Konzertstücken, die für die meisten Zuhörer eine Entdeckung gewesen sein dürften, prägte sie damit einen wunderbaren frühsommerlichen Abend, wofür sie mit langanhaltendem Applaus belohnt wurde. Und auch in ihrer Zugabe, dem Prélude aus Eugène Ysaÿes Sonate Nr. 2 behielt, Arabella Steinbacher den warmen Charakter ihres Spiels bei, hier freilich noch bereichert um eine technische Makellosigkeit, mit welcher sie den technischen Ansprüchen genügte und den poetischen Ausdruck polierte.

Marek Janowski hatte mit dem WDR Sinfonieorchester bis hierhin schon für eine fein gedämpfte Untermalung gesorgt, Horn und Holzbläser ließen schon markant aufhorchen, bevor schließlich der ganze Orchesterapparat vibrierende Belebung auslöste. Diesen Klanglichen Reichtum konnte man auch nach der Pause, die freilich eine Zäsur war, erleben. Auf Williams und Chausson folgte Anton Bruckner – huch!

Tatsächlich: die neunte in der Frauenkirche! Im ersten Satz klangen die Streicher noch etwas »breit«, ließen den Holzbläser wenig Raum, doch fanden sich Janowski und das Orchester immer besser in die Situation, gewannen zunehmend an Luftigkeit und Durchhörbarkeit – aus allen Richtungen schienen plötzlich die Instrumentengruppen zu strömen. So steigerten sich die Musiker in das spukige Scherzo, in dem Geister unterschiedlicher Charaktere zu streiten scheinen, die sich im Trio schließlich jagen.

Auch das Adagio überraschte mit lichten Momenten in all der Klangprachtmasse, mit einem Wechselspiel zwischen weichen Blechbläsern und der Oboe, mit prägnanten Dissonanzen. Sie steigerten sich immer weiter hinein in himmlische Sphären, bevor sie mit den Hörnen wieder auf den Boden sanken – auf andächtige Stille folgte großer Beifall.

21. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s