Mit Samt, Glanz und Seele

Kristine Opolais und das Concertgebouworkest in der Semperoper

Für Semyon Bychkov war es ein wenig eine Rückkehr, denn zwischen 1999 und 2003 hatte er die Position des Chefdirigenten der Sächsischen Staatsoper inne. Im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele war er am Freitagabend wieder einmal Gast im Hause, diesmal allerdings mit dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam. Nicht nur einer jener Klangkörper, die Bychkov besonders nahestehen, wird das Concertgebouworkest darüber hinaus auch neben den Wiener und Berliner Philharmonikern zu den besten drei Orchestern der Welt gezählt. Auf ihrem Programm standen Kompositionen von Peter Tschaikowsky und Sergej Rachmaninow.

Gediegenen Glanz verbreitete das opulent besetzte Orchester gleich eingangs mit Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre »Romeo und Julia«. Der Erfolg des Werkes, mit dem Tschaikowsky einst berühmt wurde, rührt vom tiefen Charakter, der farbenreichen Schilderung, denen man unschwer Episoden bzw. Figuren aus Shakespeares Drama zuordnen kann. Dennoch sind es gerade solche Stücke, die einen leichtfertigen und oberflächlichen Umgang entlarven – nichts da an diesem Abend! Auch in der großen Besetzung vermochten die Streicher einen berührend ruhigen Beginn zu zeichnen, Spannungen aufzubauen und beim Zuhörer Schauer auszulösen, dazu kam eine Präzision der Bläser, die schlicht weltspitze ist – ein sagenhaftes »Blech«! Semyon Bychkov bereitete die Ouvertüre als Ohrenkitzler mit einem magischen Ende – jetzt waren alle Sinne hellwach, um weiteren Feinheiten nachzuspüren.

Die lettischen Sopranistin Kristine Opolais gehört zu jenen Sängern, die sich nicht auf ausgewählte Rollen oder Komponisten festlegen, sondern ein weiteres Repertoire haben – keine schlechte Stimmpflege. Neben Puccini, Verdi und Mozart finden sich auch slawische Komponisten in ihrem Katalog. Für Dresden hatte sie die berühmte Briefszene der Tatjana aus Peter Tschaikowskys »Eugen Onegin« ausgewählt und dieser die Flüchtigkeit eines Rachmaninowliedes vorangestellt. Ein wenig »Anlauf« benötigte Kristine Opolais noch für »Hier ist es schön« (Nr. 7 aus Opus 21, ursprünglich für Klavier geschrieben), schwang sich mit heller Stimme in die Höhe, die sie im mittleren und tieferen Bereich samtig schimmern ließ. Gleichwohl stellte Semyon Bychkov sein Orchester darauf ein, so daß selbst die Celli im Pizzicato den gleichen Samt verströmten.

Wirklich groß, unprätentiös und mit bestechender Zartheit gelang Kristine Opolais die anschließende Briefszene, die sie auf der Konzertbühne zu leben schien – diese Rolle paßte einfach, hatte Schlichtheit wie Jugendlichkeit, aber auch innige, romantische Zuneigung. Solch »unaufgeladene« Verkörperung kann man der Staatsoper für ihre letzte Opernpremiere in dieser Spielzeit am 30. Juni nur wünschen!

Den begeisternden Orchesterklang, dessen Bläser die Briefszene mit Gesangsszenen begleitet hatten, konnte das Publikum nach der Pause noch einmal mit Rachmaninow genießen, dessen Sinfonischen Tänzen. Nun gesellten sich noch ein Altsaxophon und ein Klavier hinzu, die Semyon Bychkov in einer frappierenden Klangsynthese verschmolz. Gleichwohl vernachlässigte er die bewegenden und oft tänzerischen Rhythmen nicht – auch mit üppigerem Kolorit gingen dem aufmerksamen Zuhörer die kleinsten Details nicht verloren. Solch superben Genuß wünschte man sich lang und oft. Wie schön, daß Orchester und Dirigent nach dem offiziellen (leider weniger als zwei Stunden langen) Programm mit Edvard Elgars »Nimrod« aus den »Enigma-Variationen« noch einmal nachlegten!

14. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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