David Garrett, Schakale und Schostakowitsch in der Frauenkirche

Gleich mehrfach ist dieses Programm ein Wagnis gewesen: spektakuläre Showauftritte passen kaum in die Dresdner Frauenkirche, deren Raum von solch großbesetzten und energiegeladenen (und in bezug auf den Bau »unzeitgemäßen«) Werken wie jenen Dmitri Schostakowitschs akustisch überfordert ist, und dann auch noch fortwährend rufende Schakale…

Doch die »Show« blieb aus. Statt dessen konzentrierte sich David Garrett auf Peter Tschaikowskys Violinkonzert. Begleitet wurde er vom Israel Philharmonic Orchestra, das Omer Meir Wellbers zähmte, so daß der Kirchenraum glücklicherweise nicht im Klangrausch unterging. David Garrett begann seinen Part mit herbem, leicht kratzigen Bogenstrich – von dieser Ausprägung hätte man sich während des Stückes mehr gewünscht – wechselte dann aber zu süßeren Tönen mit kleinen Schluchzern hier und da. Geschmeidig und fein im Spiel gelang es ihm allerdings nicht, deutlich gegenüber dem Orchester hervorzutreten, und gerade der süße, unspektakuläre Klang überraschte und enttäuschte etwas. Mit so wenig Exaltation hatte man ausgerechnet bei diesem Violinisten nicht gerechnet – das war schon »brav«! Somit war nicht das Allegro vivacissimo der am meisten beeindruckende Satz, sondern die lyrisch gesungene Canzonetta, in der David Garrett mit der Klarinette eine glückliche Duopartnerin gegenüberstand. Die vom Orchester begleitete Zugabe »Carnevale di Venezia« von Niccolò Paganini war charmant.

Eingebettet zwischen dem Solokonzert und der Sinfonie erklang an zweiter Stelle Michael Wolpes »The return of the Jackals«. Es war neben der europäischen Erstaufführung des Werkes gleichzeitig die Uraufführung der Fassung für großes Orchester. Man kann eine Situation leicht imaginieren, wie der Komponist in seinem Haus oder Arbeitszimmer allnächtlich das Geheul der Schakale hört und deren durchdringender Ruf Eingang in die Werke findet – vielleicht war es so. In dem Stück für Orchester, Solomandoline und Soloakkordeon treten die Schakale jedenfalls auf – vom Band. Und das irritiert nicht nur, es regte viele Zuhörer zum Lächeln an. Unwirklich und ungewollt komisch wirkten die Einspielungen, die sich nicht recht mit der Musik verbinden wollten und schließlich (immer wiederkehrend) enervieren. Auch das Trio Orchester-Mandoline-Akkordeon trifft teilweise nur einen gemeinsamen Ton, geht aber keine Verbindung ein. Doch nur teilweise, denn über weite Strecken hat Michael Wolpe die beiden Einzelinstrumente schön in den Orchesterklang eingewoben. Mehr noch: Im Gegensatz zu modernen Werken, die nacheinander Ideen ablaufen lassen und nach einer gewissen Zeit darunter leiden, nichts neues bieten zu können und an Spannung zu verlieren, verarbeitet der Komponist in diesem Werk eine musikalische Idee stringent, führt sie aus und schafft es mit Wiederkehr und Ableitung, die Spannung zu erhalten. Wären da nur nicht die Schakale vom Band…

Die abschließende sechste Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch hört man heute viel weniger oft als zum Beispiel die fünfte, zehnte oder die »Leningrader«. Omer Meir Wellber blieb – auch optisch elegant – bei seinem Ansatz einer bedachtsamen, federnden Interpretation der Werke treu, was jedoch nicht ausschloß, daß er die Sinfonie in den expressiven Passagen mächtig anschwellen ließ. Das einleitende Largo fand nach kraftvollem Anfang zu einem lyrischen Ton und einem ruhigen Ende, während dem Presto eine lebhafte Leichtigkeit innewohnte.

19. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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