Abendfüllender, musikalischer Kosmos

Pierre-Laurent Aimard spielt in Dresden Olivier Messiaens »Catalogue d’oiseaux« an einem Abend

Vor vier Jahren ist der französische Ausnahmepianist zuletzt in Dresden gewesen, auch damals verzauberte er das Palais im Großen Garten. Neben Franz Schubert, György Kurtág und Franz Liszt hatten Werke eines jener Komponisten auf dem Programm gestanden, die Pierre-Laurent Aimard persönlich gekannt hat und dessen Arbeit er besonders schätzt: György Ligeti. Gleiches läßt sich über Pierre-Laurent Aimard in bezug auf Olivier Messiaen sagen – am Sonntagabend standen vor allem er und sein »Catalogue d’oiseaux« im Mittelpunkt.

Messiaen, Komponist, Wissenschaftler, Dichter, Synästhetiker, Schriftsteller und Ornithologe, hat mit seinen in sieben Bücher unterteilten Stücken die Klangwelt der Vögel Europas eingefangen, jedoch in keinem Fall einfach dessen Stimme oder Ruf vertont, sondern auch jene anderer Vögel verarbeitet sowie Geräusche oder Echo und nicht zuletzt – so Pierre-Laurent Aimard in seinem Einführungsvortrag erklärte – den ganzen Sinneseindruck in Klang umgesetzt. Also beispielsweise den Ruf und den farbigen Schimmer der Blaumerle. Gleichzeitig hat er nicht nur die unterschiedlichen Lebensräume der Vögel – Orte – sondern ebenso (Tages-)Zeiten berücksichtigt. Statt kleiner naturalistischer Klangbilder ergeben sich daraus komplexe Szenen, manchmal Szenenfolgen mit Unterbrechungen – auch Pausen und Stille sind Bestandteile der Komposition, Erinnerungen sowie Einladungen zur Betrachtung. Dazu kommt, daß viele Vogelpaar in Dialogen singen oder sich die Rufe verschiedener Vögel mischen, was Messiaen in Form kleiner wie Antiphonen anmutenden Stücke umgesetzt hat.

Bei den Kompositionen allein – insgesamt dreizehn von der Alpendohle bis zum Brachvogel – hat es Olivier Messiaen aber nicht belassen, sondern jedem der Stücke einen begleitenden und erläuternden Text vorangestellt. Dieser war Ausgangspunkt für den mit elektroakustischer Musik arbeitenden und komponierenden Bernard Fort, Jahrgangskollege und ebenfalls aus Lyon stammend wie der Pierre-Laurent Aimard. Er hat im Auftrag des Pianisten dreizehn »Préludes au Catalogue d’oiseaux« zusammengestellt: Aufzeichnungen von Vogelstimmen, die sich ebenso vermischen, Wind und Gewittergrummeln enthalten und nicht zuletzt an jenen Orten entstanden sind, wo schon Olivier Messiaen seinen Beobachtungen nachging.

Dies ist ihm treffend gelungen, denn obwohl die Klangwelten von gemischter Vogelkomposition (Aufnahmen) und Klavier höchst unterschiedlich sind, vereinen die Werke beider Künstler die Klänge auf synthetische, anregende Weise. Sie konzentrieren sich keineswegs allein auf den besonders schönen Gesang mancher Vögel, wie des Pirols oder der Heidelerche, sondern schließen auch so gewöhnliche wie einen Schwirl oder den Zilpzalp mit ein. Was zunächst unmelodisch oder gar intonationsschwach klingt, trägt gerade zum meditativen Charakter bei und entreißt den Zuhörer zumindest für einen Moment aus dem gewohnten Rhythmus – ein Brückenschlag zum diesjährigen Festspielgedanken »Zeit«.

Was die Zuhörer im Palais im Großen Garten erlebten, war eine Natursituation – mit geschlossenen Augen konnte man sich gedanklichen in einen Wald oder auf einen Felsen versetzen, Vögel von der Sonnen- auf die Abendseite über das Palais ziehen hören – phantastisch! Das Wechselspiel von Fort und Messiaen, vor allem aber das intensive Spiel Pierre-Laurent Aimards beeindruckten ungemein – selten kann man Zuhörer in den Pausen derart über ihre (wohlgemerkt) Sinnes- nicht nur Höreindrücke sprechen hören. Davon, wie Messiaen bzw. Aimard auch die Hitze, die sich bleiern und drückend über der Landschaft ausbreitet, erfahrbar macht, daß das Klavier wie ein Xylophon klang…

Es war eine ungeheuer beeindruckende Premiere, denn so hat es den »Catalogue d’oiseaux« noch nie gegeben. Mit einem, mit zwei oder mit vier anderen Pianisten hat Pierre-Laurent Aimard schon einmal gespielt, in Tokio in diesem Jahr auch schon einmal allein – an drei Tagen! Hier in Dresden war es die wohl intensivste Vorführung, fast vier Stunden hat sie gedauert, und selbst die beiden Pausen waren – vor und nach dem etwa halbstündigen »La Rousserolle effarvatte« (»Teichrohrsänger«) – nach einer dramaturgischen Entscheidung gesetzt.

Mancher der Zuhörer war am Ende etwas erschöpft nach diesem Marathon – eine positive Erschöpfung, ein großartiger Abend!

 

16. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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