Fokus Schostakowitsch

Achtes Quartett als Gipfelpunkt

Das vor zwanzig Jahren gegründete Jerusalem Quartet gehört zu jenen weltberühmten Ensembles, die sich während der Zeit der Dresdner Musikfestspiele an die Elbe locken lassen, in den Konzertsaal der Musikhochschule für Musik Carl Maria von Weber (wo sich unter die Gäste auch viele Musiker, Streicher- und Quartettkollegen mischten). Am Montagabend gastierten sie hier mit einem reinen Schostakowitsch-Programm, dem ersten, dem letzten und dem mittleren der Quartette des Komponisten – soweit die Fakten.

Was äußerlich schlicht nach Symmetrie aussah, war jedoch eine Offenbarung. Der Lebenslauf Dmitri Schostakowitschs ist geprägt von dramatischen Umwürfen, herausragenden Ereignissen, existentiellen Bedrohungen. Die Unzuverlässigkeit und Unwägbarkeit der Verhältnisse und politischen Strömungen dürfte dem Komponisten nicht nur eine Tiefe Angst, sondern auch ein ebenso tief verwurzeltes Mißtrauen eingepflanzt haben. Neben der inneren Flucht liegt ein Ausweg aus solchen Beklemmungen in der schöpferischen Verarbeitung. Schostakowitschs Werke bieten, wie die Rezeptionsgeschichte zeigt, für Tarnung und Täuschung ebenso viele Ansätze wie solche zur Ausdeutung. Doch konnten weder Zeit noch Umstände, weder Politische Meinung noch musikalische Mode das Interesse an Schostakowitschs Musik je brechen. Mit ihm (und vielleicht noch mit Benjamin Britten) hatte die klassische Musik einen Wendepunkt erreicht.

Formal scheint Dmitri Schostakowitschs erstes Streichquartett im gleichen Maße licht und hell wie sein letztes im Schatten des Schmerzes und des Abschiedes versinkt – Schatten, die das Jerusalem Quartet im nach der Pause bis auf die Not- und die Pultbeleuchtung abgedunkelten Saal gespenstisch an die Wände warf. Keine vollständigen Schattenbilder waren dies, nur Fragmente, Ausschnitte des ganzen, mehr Bewegungen eines Ellenbogens oder einer Schulter, ein spukhafter Cellobogen, der durchs Dämmer wischte…

In dieser spukigen Atmosphäre schufen Alexander Pavlovsky und Sergei Bresler (Violinen), Ori Kam (Viola) und Kyril Zlotnikov (Violoncello) ein dichtes Gewebe voller Gedanken des Abschiedes, des Abstandnehmens, aber auch des Besinnens auf das, was bleibt, was wesentlich, was essentiell ist. Sechs Sätze, alle in der Form eines Adagios gesetzt, fließen in diesem abschließenden es-Moll-Quartett ineinander, dem fünfzehnten Gattungsbeitrag Schostakowitschs. Der Komponist hat dem Werk keine starken Gegensätze mitgegeben, keine Episode eines Scherzo zugelassen – das Jerusalem schattierte das mehr als eine halbe Stunde lange Werk reich, gab sich keinem meditativen Fallenlassen hin, sondern fokussierte Gedanken, das Suchen nach einem Schlußwort.

Noch mit normaler Saalbeleuchtung hatte der Abend begonnen. Gleich hier, im vermeintlich leichtesten Stück des Programms, haben die vier Musiker allerdings Attribute wie »gefällige Unverbindlichkeit« oder »fröhliche, frühlingshafte Stimmung« als Etiketten entlarvt. Nach einem durchaus lieblichen Beginn – hier wie noch mehrmals an diesem Abend gibt Kyril Zlotnikov Das Fundament des Vibratos vor –, der noch an Schubert gemahnt, erhoben sich die Einzelstimmen, die bis ins Deklamatorische gehen und gerade kein Idyll vorgaukeln, sondern angetrieben auf einen Kern zuzustreben scheinen. Durch die Kürze des Satzes, mit der Schostakowitsch dessen sonst übliche »Kopf-Funktion« negiert (oder zumindest einschränkt), verschiebt sich das Gewicht des ganzen Stückes, denn nach dieser Einleitung steht plötzlich das Ausformulieren des zweiten Teils im Mittelpunkt – allerdings ist dieser Ebenso mit Moderato überschrieben wie der erste. In den Variationen und Wandlungen des Themas entwickelte das Jerusalem Herbheit statt süßem Charme, schienen sie im darauf folgenden Allegro molto mit reichlich con sordino in eine fremde Welt einzutauchen. Das abschließende Allegro führte schließlich in gelöster Heiterkeit vom Lied zum energiegeladenen Tanz.

Mittel- und Höhepunkt des Abends und ein besonderes Ereignis in den letzten Tagen des Dresdner Musiklebens war aber das der Stadt verbundene mittlere, das achte Streichquartett Dmitri Schostakowitschs. Sein Opus 110 hört man wahrscheinlich sogar noch öfter in seiner durch Rudolf Barshai erstellten und von Schostakowitsch autorisierten Fassung als Kammersinfonie (Opus 110a). Musiker der Sächsischen Staatskapelle spielten das Werk bei den Schostakowitschtagen in Gohrisch (wo das Quartett 1960 entstanden war), beim Philharmonischen Kammerorchester der Dresdner Philharmonie stand es ebenso auf dem Programm. Aufführungen in der ursprünglichen Quartettfassung waren zuletzt seltener, um so frappierender, daß die Intensität durch die (scheinbare) Reduktion nicht abnahm, sondern das Jerusalem Quartet im Gegenteil noch mehr Spannung zu entfesseln schien! Lähmend, erwachend, konstatierend eröffneten sie das Werk, als stünde ein Mensch zwischen Ruinen, betrachte die Zerstörung, während sich ringsum Rauch und Staub verzieht. Mit dem fast leitmotivischen d-es-c-h verließen Spieler und Hörer jedoch diese Betrachterposition und wurden zu unmittelbar erlebenden, befanden sich inmitten eines Chorals, und als Alexander Pavlovsky und Sergei Bresle, Ori Kam und Kyril Zlotnikov nacheinander im Kanon den Marsch des Allegro molto anstimmten, bereitet das gleich mehrfach Gänsehaut, die lange Zeit anhielt. Dieser Schostakowitsch wurde nicht gespielt, sondern ausgelöst, entfesselt! Das Jerusalem lotete die Schicksalshaftigkeit aus, sank endlich zurück mit den abschließenden Larghi, schien sich noch einmal auf Schubert’sche Tonalität zu besinnen, die Klage eines Verlorenen… Unerhört!

10. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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