Spektakulärer Erstling

Georg Friedrich Händels Oratorium »Il trionfo del tempo« in der Annenkirche

Es war sein erstes Oratorium, das der gerade 22jährige Händel während seiner Italien-Reise 1707 in Rom zur Aufführung brachte. »Ma, caro Sassone, questa Musica è nel Stylo Francese, di ch’io non m’intendo.« (»Aber mein lieber Sachse, diese eure Musik ist nach dem französischen Stil eingerichtet, darauf ich mich gar nicht verstehe.«) Kein geringere als der 32 Jahre ältere Arcangelo Corelli, der Konzertmeister in Händels Orchester war, soll diese Worte über die ursprüngliche Ouvertüre gesagt haben. Als »französisch« galt es damals, wenn man Pauken und Trompeten verwendete, während »italienisch« vor allem auf Streicher und Holzbläser vertraute, die weniger »Aufruhr« verursachten. Doch auch in einer »milderen« Form ist Händels Oratorium immer noch spektakulär, wie Opernchordirektor Jörn Hinnerk Andresen eingangs feststellte. Spektakulär sind die emotionale, lautmalerische und dramaturgische Umsetzung des Textes mit seinen Metaphern, der der Widerstreit der Figuren (Bellezza = Schönheit, Piacere = Vergnügen, Tempo = Zeit und Disinganno = Erkenntnis), die Anlage der Arien und die Instrumentierung. So läßt schon die Orgelsonate Nr. 10 im ersten Teil Händels spätere (in London entstandene) Orgelkonzerte vorausahnen.

Die Batzdorfer Hofkapelle sorgte für eine leidenschaftliche, üppige Begleitung, begeistere mit (im Wechsel gespielter) Solooboe und -blockflöte, aber auch mit prägnanter Laute, die nicht nur stille Begleiterin war, sondern ebenso gegen das Ensemble Akzente zu setzen vermochte.

Essentiell für »Il trionfo del tempo« sind jedoch die Solisten, an diesem Abend Tanya Aspelmeier (Bellezza / Sopran), Hanna Herfurtner (Piacere / Sopran), Robert Sellier (Tempo / Tenor) und Yosemeh Adjei (Disinganno / Countertenor) – kein Baß, der Tenor ist die »unterste« Gesangslage. Arme Schönheit! Während diese wankt und zweifelt, ob sie sich dem Vergnügen hingeben oder die Vergänglichkeit derselben und die Macht der Zeit anerkennen soll, zerren die anderen an ihr, argumentieren auf sie ein, Erkenntnis und Zeit erklären sie gar für »verrückt«. Da wird es durchaus emotional, wurden im Oratorium auch einmal böse Blicke geworfen. Während sich Tanya Aspelmeiers Sopran – ganz der Schönheit verpflichtet – weich und milde in die Höhe schwang und sogar die Zeit zu becircen versuchte, hatte jener Hanna Herfurtners noch mehr Pracht und Koloratur – das Vergnügen ist fordernder, sirenengleicher, hat ein enormes »Sendungsbewußtsein«. Die am spektakulärsten verzierten Arien (zu denen »Lascia la spina« gehörte, als »Lascia ch’io pianga« im »Rinaldo« berühmt geworden) gelangen ihr mühelos. Auch die »Gegenpartei« war charakteristisch: während Yosemeh Adjei die Erkenntnis (ein)leuchtend, mit Geschmeidigkeit und pastoralem Charme sang, verstand es Robert Sellier, der immer wieder bis in die Baritonlage Evidenz entwickeln mußte, auch stimmlich jenen Aplomb herbeiführen, den die Musik (häufig rhythmisch schlagend als Zeitmaß) vorgab.

Der Sinfoniechor, in den sich die vier Solistinnen Petra Havrankova und Josephine Brüning (Sopran) sowie Sarah Kaulbarsch und Josefine Rücker (Mezzosopran) einreihten, hatte mit den Wiederholungen sowie expliziten Chornummern zwar weniger Anteile, fand unter Jörn Hinnerk Andresen Leitung, der für eine zügige und flüssige Aufführung sorgte, jedoch mühelos mit dem Ensemble zusammen. Ausgewogen und mit Homogenität trug er zum prächtigen Spektakel bei.

4. April 2016, Wolfram Quellmalz

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