Nine Lessons and Carols

Vocal Concert Dresden hat mit der Weihnachtsfeier des King’s College Cambridge in der Loschwitzer Kirche eine eigene Tradition geschaffen

Seit 2001 schon gibt es allweihnachtlich die »Nine Lessons…« in der Loschwitzer Kirche. Der Gottesdienst am Heiligen Abend wurde erstmals 1880 in Truro (Cornwall) durchgeführt, seit 1918 findet er auch am King’s College Cambridge statt, dessen Fernsehübertragungen Berühmtheit erlangten. Erzählt wird die Erlösungsgeschichte anhand von Bibelzitaten in neun Lesungen (»Lessons«), zwischen denen traditionelle englische Weihnachtslieder (die »Carols«) erklingen. Wie in jedem Gottesdienst ist die Gemeinde an der Liturgie beteiligt, sei es im Vaterunser, in wechselseitigen Texten oder Gesängen.

An der Wegscheider-Orgel begleitet seit den Anfängen Hansjörg Albrecht, derzeit Leiter des Münchner Bachchores und des Münchner Bach-Orchesters und damit Nachfolger des legendären Karl Richter, die Feier. Neben dem Vocal Concert Dresden unter der Leitung von Peter Kopp und einem Blechbläser-Ensemble wirkten Kruzianer Ludwig Koch, Pfarrerin Ulrike Birkner-Kettenacker und Pfarrer Dietmar Selunka mit.

Natürlich sind die »Nine Lessons…« ein besonders feierlicher Gottesdienst, der mit einem Choralvorspiel beginnt. Der Chor zog anschließend mit »Once in Royal David’s City« in die Kirche ein. Einen betörenden Engelsgesang stimmte Ludwig Koch an, der aber auch in seinem Teil der Lesung überzeugte. Wunderbar ausgewogen zeigte sich das Vocal Concert Dresden, das in Stimmen und Stimmungen keinerlei Unsicherheit aufkommen ließ. Bedenkt man, daß die Auftritte zu den Konzerten der Advents- und Weihnachtszeit die Sänger schlicht auch Kraft kosten, war es ganz erstaunlich, wie mühelos auch die dritte Aufführung der »Nine Lessons…« an zwei Tagen gelang. Strahlend und ohne hörbares Bemühen ließ Peter Kopp den weihnachtlichen Liedern das richtige Maß angedeihen, erklangen sie je nach Charakter freudig, hoffnungsvoll oder auch feierlich getragen. In Vereinigung mit der Orgel und den Bläsern gelangen so auch die Steigerungen wie in »The first Nowell« bis ins Hymnische, ohne aber mit grellen Farben oder schierer Lautstärke zu »überziehen«.

Aber auch das ist englisch: Carols wie »I saw three ships«, die als heitere Singspiele incl. pfeifen und »la-la«-singen eher einen volkstümlicher Charakter tragen – die Fröhlichkeit wird keineswegs aus dem Gottesdienst ausgeschlossen.

Weil Traditionen keineswegs auf ewigen Wiederholungen des Immergleichen beruhen, gibt es durchaus mehr als nur neun »Carols«, zwischen denen gewählt werden darf (auch wenn bestimmte wohl nicht fehlen sollten). So ist auch die Aufführung des Vocal Concert Dresden nicht jedes Jahr gleich. Und weil auch die Engländer nicht allzu streng auf britische Komponisten schauen (immerhin haben sie mit Händel einen der wichtigsten »Einflüsse« importiert), paßte Edvard Griegs »Ave, maris stella« hervorragend – längst hat sich das Lied die britischen Chöre erobert, von »Hark! The herald-angels sing« nach Mendelssohn ganz zu schweigen.

Wenn man Traditionen also nicht (nur) an der Anzahl der Wiederholungen erkennen kann, so begründen sie sich also an dem, was man vielleicht authentisch oder glaubhaft nennt. Etwas, das aufgenommen und weitergereicht wird. Neben den hervorragenden Sängern und Musikern kann man dies der Gemeinde ebenso zusprechen, die in Gesang und Text sicher war und kräftig mitsang, ohne daß sich das sonst manchmal zu erlebende Verschleppen gegenüber der Orgel oder den Vorsängern einstellte.

Wie es sich für einen richtigen Gottesdienst gehört, begleitet die Orgel die Gläubigen im Anschluß nach draußen. Hansjörg Albrecht zeigte, nachdem er schon »The Kings of Orient« mit einem prächtigen, orientalisch anmutenden Intro eingeleitet hatte, wie er, wenn er »losgelassen« ist, frei improvisieren kann und phantasierte über Weihnachtslieder, daß die Loschwitzer nicht nur mit Licht, sondern auch mit Musik durch die Fenster und geöffneten Türen in die Dunkelheit strahlte.

28. Dezember 2015, Wolfram Quellmalz

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