Jugendliche Frische

Herbert Blomstedt dirigierte im Gewandhaus Leipzig die zweiten Sinfonien von Ludwig van Beethoven und Jean Sibelius

Die Partiturhefte lagen beide da, aufgeblättert hat er sie nicht. Schon Körpersprache und Bewegungen Herbert Blomstedts sind von Jugendlichkeit und Eleganz geprägt – Eigenschaften, die sich in seinen Interpretationen wiederfinden lassen.

Nach den Sinfonien Anton Bruckner s hat Herbert Blomstedt nun (noch einmal) jene Beethovens in Angriff genommen. Schon am Ende des Monats wird er wieder in Leipzig sein und die traditionelle Aufführung der neunten zum Jahresende leiten, am 17. und 18. Dezember war es die zweite. Dieser schon pflanzte er Eleganz ein, ließ die Streicher aber auch energisch zupacken. Aus der Klarsichtigkeit und Durchhörbarkeit erblühten immer wieder einzelne Akzente, wenn die Flöten zum Beispiel im ersten Satz vor der Wiederholung aufhorchen ließen, oder wenn sich im zweiten die Variationen des Themas zwischen allen Streichern entwickelten – eine versteckt-heitere Episode, die sich schließlich in elegisch-lyrisches Schwelgen auflöste.

Feurig nahm Blomstedt den dritten Satz, um daraus im letzten ein Feuerwerk abzuleiten. Doch auch hier tauchten immer wieder »Wunderkerzen« auf, die Oboe etwa, die sich erhebt und über allen singt.

Mit Jean Sibelius (ebenfalls) zweiter Sinfonie – seiner bekanntesten – stellte Herbert Blomstedt nach Beethovens Wiener Klassiker ein ziemlich genau einhundert Jahre Jüngeres Werk der nordischen Romantik gegenüber.

Dieses ließ immer wieder mit Klangeffekten aufhorchen, Holzbläsern, die sich ein Motiv bei Müllerliedern (»Es klappert die Mühle am rauschenden Bach«) geborgt zu haben schienen und als Gruppe zunächst allein spielten, bevor sie von den Kollegen im »Blech« unterstützt werden – erst später treten die Streicher wieder hinzu. Den Beginn der Sinfonie hatten diese aber wohl eingeleitet, mit den kräftigen Farben eines energischen Bogenvibratos.

Im zweiten Satz dann, den Blomstedt als Erzählstück gestaltete, in dem Fagott und Violoncello dialogisch plauderten, ließen die Streicher plötzlich einen Bienenschwarm ins Gewandhaus los. Herbert Blomstedt ist es gelungen, den motivischen Spielereien Sibelius‘ immer wieder die Überraschungen zu entlocken, mit denen er seine Zuhörer frappiert.

So auch im Vivacissimo des dritten Satzes, wenn Sibelius den Beginn von Mendelssohns Oktett-Prestos op. 20 zu zerlegen scheint.

Aus lyrischen Gesängen, in welchen nur tiefe Streicher die Oboe begleiten, erhob sich schließlich ein Schlußfeuerwerk. Schluß? Nein, da darf man noch viel mehr erwarten!

19. Dezember, Wolfram Quellmalz

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