Sinnliche Magnificat-Interpretationen

Adventskonzert mit dem Dresdner Kammerchor

Üben alleine genügt nicht – wesentliche Impulse der Interpretation entspringen dem Verständnis, welches aus Auseinandersetzung entsteht. Der Dresdner Kammerchor steht seit 30 Jahren für dieses Verständnis, aber gleichermaßen auch für Impulse in der Musik, die über Konzerte und Aufnahmen hinausgehen und nachwirken. So war es auch nicht verwunderlich, daß der Kammerchor am Freitagabend nicht mit dem aktuellen Programm der neuesten CD-Einspielung auftrat, sondern einen Einblick in den Fundus der Musikgeschichte gewährte, wie man ihn selten erleben kann.

Auf dem Programm standen zwei Magnificat-Vertonungen sowie eine Kantate, deren musikgeschichtliche Fäden zu Johann Sebastian Bach führen (dort aber nicht enden). Pietro Torri und Francesco Bartolomeo Conti gehören zu jenen Komponisten, deren Werke Bach studierte. Mit seinem Notenbestand wurden Kopien Torris Magnificat in C sowie Contis Languet anima mea überliefert, in beiden ergänzte Bach Stimmen. Grundlegende Änderungen nahm er aber nicht vor, vielleicht waren es schlicht aufführungsbedingte Anpassungen.

Als Solisten standen neun »hauseigene« Sänger zur Verfügung, die in den eigenen Reihen »herangezogen« wurden, Rademann-Studenten waren oder sind. Das trägt zum Ensemblecharakter bei, prägt diesen. Die Solisten sind – nicht nur räumlich – in den Chor integriert, behalten dessen Duktus auch in ihren herausgestellten Partien bei. Isabel Jantschek, an der Dresdner Musikhochschule von Prof. Hendrikje Wangemann und Prof. KS Olaf Bär ausgebildet, ist mittlerweile eine phänomenale Solistin, die nicht nur mit gefühlvollem und klaren Sopran beeindruckt, sondern auch mit der Mühelosigkeit, mit der sie dies erreicht. In Contis Languet anima mea für Solostimme hatte sie die alleinige, tragende Rolle, füllte den Raum der Annenkirche mit geschmeidiger Stimme aus, auch einmal leiser, und war trotzdem noch im letzten Winkel verständlich. Beeindruckend war die Individualität aller Solisten (die alle zu erwähnen hier den Rahmen sprengen würde), Maria Stosieks sanfter Alt, Benedikt Kristjánssons blühender Tenor, Martin Schicketanz – auch der kernige Baß ist mittlerweile ein vielbeschäftigter Solist.

Geschmeidig und mit sinnlicher Ausgestaltung folgte der Chor den Texten, begleitet vom Dresdner Barockorchester. Ausgewogenheit herrschte da nicht nur hinsichtlich Chor und Solisten, sondern auch zwischen Sängern und Instrumentalisten. Hans Christoph Rademann konnte sich – mit sichtlicher Freude – darauf beschränken, hier und da eine Nuance mehr oder weniger zu fordern, zu bestärken.

Neben besinnlichen Momenten sorgten die Musiker auch für weihnachtlich-festliche. So in der auch instrumental prächtigen Einleitung in Bachs Werk mit schmeichelnden Traversflöten und Oboen. »Weich« und »geschmeidig« sind noch lange nicht »süß«!

12. Dezember 2015, Wolfram Quellmalz

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