Wanderer zwischen Poesie und Stille

Piotr Anderszewski nimmt sich gerne einmal Auszeiten. Immer wieder zog er sich zurück, schöpfte nach Gastspielreisen Atem, studierte aber auch Komponisten und ihre Werke – Schumann und Bach gehören in den letzten Jahren zu den festen Eckpunkten seiner Programme. Eine Auszeit anderer Art nahm der Pole vor einigen Jahren, als er dem Stress des Reisens und der Anonymität ständig wechselnder Hotels zu entgehen suchte, indem er einen Zug für sich mietete, in welchem er während seiner Tournée lebte. Konzerte gab es also nur dort, wo auch ein Bahnhof existierte. Bruno Monsaingeons Film »Voyageur intranquille« ist ein sehenswertes Dokument dieser Zeit (DVD von Medici erhältlich).

Die Stille zu suchen unternimmt der sensible Pianist in vielfacher Hinsicht – schon visuell bevorzugt er die Unaufgeregtheit, läßt den großen Saal des Leipziger Gewandhauses weit abdunkeln, wechselt zwischen den Stücken (Bach und Szymanowski) den Flügel – beide Male Steinway wohlgemerkt, also wohl eher eine Frage des Anschlages, der Rückmeldung an den Spieler als eine der offensichtlichen Klangeffekte.

Plötzlich ist sie da, die Musik. Der Weihnachtsmarkttrubel draußen und die Polizeifahrzeuge, die eben noch das Geschehen beherrschten, Regen, der rinnt – alles fällt von einem ab, wenn Piotr Anderszewski die Tasten seines Flügels berührt. Vielstimmig klingt die Toccata aus Johann Sebastian Bachs Partita c-Moll BWV 830, ein Wellenspiel-Kanon, den der Pianist wachsen und verebben läßt, als säße er an einer Orgel. Flink, leichtfüßig klingt die Allemande, leicht, leicht, leicht… Atem belebt Anderszewskis Spiel, das voller Poesie ist und desto mehr gewinnt, je leiser er spielt. So beginnt die Courante nicht einfach, sondern wird sanft angetupft, gipfelt die Partita im Ruhepunkt der Air. (Die abschließende Englische Suite d-Moll BWV 811 folgt ihr in diesem Geiste mit der Sarabande, an die sich eine somnambule Double anschließt.) Nicht nur leiser, auch langsamer spielt Anderszewski, um Bachs Musik später wieder perlen und beleben zu lassen, in Fugen zu gipfeln.

Auch die Musik eines Landsmannes hat Piotr Anderszewski mitgebracht. Karol Szymanowskis »Métopes« sind impressionistische Traumspiele, die deutliche Einflüsse von Komponisten wie Claude Debussy verraten, über dessen Farbspiele aber hinausgehen. Piotr Anderszewski gestaltete »Die Insel der Sirenen«, »Calypso« und »Nausicaa« als Erzählungen mit dramaturgischem Gehalt, ließ sie aufbrausen, anstürmen, sich ergießen, aber auch wieder verschimmern. Einen Ausbruch zeichnet er mit dem dritten Werk, aber auch dieser erscheint nur kurz düster, bevor er sich in hoffnungsvollere Farben verliert, abgleitet – Szymanowskis Werk endet nicht mit einem Kulminationspunkt, und Anderszewski ist dessen Traumwandler…

Gestalterische und erzählerische Vielfältigkeit beweist Piotr Anderszewski auch nach der Pause mit Robert Schumanns »Papillons«. Auch hier: leicht, leicht, leise. Voller Poesie entstehen Gestalten, werden Charaktere heraufbeschworen, musikalische Märchenfiguren, Tanzbär und Primaballerine im Walzer, bevor alles in einem hymnischen, fröhlichen Finale Ausklang findet.

Piotr Anderszewskis Anschlagskultur ist exzellent. Immer auf der Suche, nicht nach dem »Maximum«, sondern nach Klangnuancen, Ausdruck, an der Grenze zur Unhörbarkeit, Stille. Lieber das Risiko eines »Wacklers« als einen statisch plätschernden Bach. Immer weiter differenziert der Pianist, je leise, desto feiner. Diese Suche und dieses Risiko machen seine Konzerte aber auch einzigartig, bestimmt nicht allein vom Notentext, sondern der inneren Fühlung, und so wäre das gleiche Konzert an einem anderen Tag (und in einem anderen Saal) eben doch nicht das gleiche (ich weiß das, ich habe es probiert).

Mit zwei poesievollen Zugaben und einem leisen Schlußakkord verabschiedete sich Piotr Anderszewski von seinem begeisterten Leipziger Publikum.

1. Dezember 2015, Wolfram Quellmalz

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