Große Opernstimme zum Liederabend

Robert Dean Smith bei »Das Lied in Dresden«

Interessant ist gerade bei Liederabenden immer die Frage, was er (der Sänger) bzw. sie (die Sängerin) denn mitbringen wird. Was für eine Stimme und was für eine Bühnenpersönlichkeit zum Beispiel. Georg Zeppenfeld konnte man schon als vollständig in sich gekehrten Liedinterpreten erleben, der ganz in der Musik aufging und das Publikum kaum wahrzunehmen schien, während Roman Trekel (der auch schon Gast bei »Das Lied in Dresden« gewesen ist) das Publikum sehr direkt anspricht. Auch sind mimische Darstellung und Verkörperung jeweils sehr unterschiedlich. Robert Dean Smith gehört zu jenen Sängern, welche eine körperliche Präsenz entwickeln.

»Was wird er denn mitbringen?« bezieht sich aber auch auf das Programm. Eine dezidierte Auseinandersetzung mit den Werken Schuberts, Loewes, Wolfs oder Strauss‘ kann dem Zuhörer einen Höhepunkt bereiten, während manche Sänger diese Sterne des Liedschaffens nicht ins Zentrum rücken, sondern ein sehr persönliches, ganz anders »gefärbtes« Programm zusammenstellen. Für den Liederabend am Sonntag in der Dresdner Musikhochschule hatte sich Robert Dean Smith für beides entschieden, denn neben Werke Robert Schumanns und Richard Strauss‘ hatte er unter anderem italienische Lieder mit ins Programm genommen. Und darüber hinaus: Wagner. Natürlich, einer der größten Wagner-Tenöre unserer Zeit konnte auf dessen Liedgut kaum verzichten.

Das zu Hause Robert Dean Smiths ist aber die Oper, und einen »Opernton« brachte er auch mit in den Liederabend. (Was ihm belassen sei, schließlich ist er Teil seiner Persönlichkeit.) Schon fünf Lieder Robert Schumanns waren davon geprägt, vor allem die hohen Töne ließ der Tenor mit viel Vibrato dramatisch anschwellen. Das war zunächst etwas gewöhnungsbedürftig – gerade in Dresden kennt man Schumann eben anders, lyrischer. Aber spätestens mit »Stille Liebe« und »Stille Tränen« hatte man sich eingewöhnt, und hier griff dann auch die »Verkörperung«: Während sich Robert Dean Smith sichtlich wohl in seiner Rolle fühlte, paßten die rückblickenden, sinnierenden Texte sehr gut zu ihm.

Mit den folgenden beiden Wagner-Vertonungen »Träume« und »Schmerzen« zu Texten von Mathilde Wesendonck war das Publikum dann gefangen. Dramatisch, intensiv, bebend – Dean Smith verkörperte die Rollen der Lieder mit großer Intensität und Kraft. Wie schön, daß ihm dafür mit dem Konzertsaal auch eine entsprechende Bühne zur Verfügung gestanden hat! Auch Begleiter Jan Philip Schulze ließ den Steinway mächtig klingen, einmal donnern, dennoch blieb – schon bei Schumanns kleinen Epilogen für das Instrument, das Ohrenmerk auf die vereinnahmende Stimme gerichtet.

Und diese zeigte sich sehr wandelbar. Arnold Schönbergs beiden frühen Lieder Opus 1. »Dank« sowie »Abschied«, Alexander von Zemlinsky gewidmet und ursprünglich für Bariton geschrieben, sind transponiert deutlich weniger dunkel und abgründig, an dramatischer Klangfärbung ließ es Robert Dean Smith aber nicht fehlen. Großer Beifall deshalb schon zur Pause.

Danach dann fünf Lieder Richard Strauss‘ – nein, »Zueignung« war nicht dabei, dieses erklang erst als zweite Zugabe. Robert Dean Smith und sein Begleiter gestalteten die Strauss-Lieder hochdramatisch und entwickelten eine subtile Phaszination gerade in den musikalischen Verrückungen gegenüber den regelmäßigen Strophen wie in der »Heimlichen Aufforderung«.

»Was er denn mitbringt«, das waren, wohl als persönlichste »Gabe«, italienische Lieder Stefano Donaudys, Vincenzo de Crescenzos und Francesco Tostis. Und hier glaubte man sich dann beinahe wirklich auf einer Opernbühne, mit dem Startenor in sinnlich-berührender Rolle. Ob den Verlust des Freundes betreffend (Donaudy / »O del mio amato ben«) oder sehnsüchtig die Rückkehr einer Schwalbe erwartend (de Crescenzo »Rondine al nido«) – Robert Dean Smith zeigte sich dem begeisterten Dresdner Publikum als hingebungsvoller Liedinterpret.

Und so forderten die Zuhörer auch drei Zugaben, ließen es weder auf dem Gebet des Rienzi noch der »Zueignung« beruhen. Als besonderes Extra gab es abschließend deshalb noch Gaetano Donizettis »Me voglio un casa« (»Ich wünsche mir ein Haus«).

23. November 2015, Wolfram Quellmalz

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