Gedenkkonzert mit dem Dresdner Kammerchor

Chorjubiläum und Novembergedenken

Vor 77 Jahren folgten auf die Worte – Hetzparolen – die Taten der Novemberprogrome. Der vor dreißig Jahren von Hans-Christoph Rademann gegründete Dresdner Kammerchor stellte das Gedenken daran in den Mittelpunkt seines Jubiläumskonzertes in der St. Michaeliskirche Bühlau. Werke Karl Amadeus Hartmanns, Francis Poulencs und Heinrich Schütz’ verliehen den Begriffen des Friedens, der Freiheit und damit der Menschenwürde essentielle Bedeutung – nicht nur im Rückblick, sondern auch für unsere Gegenwart. Man dürfe nicht nur »schöne« Musik erwarten, hatte der Kammerchorleiter das Publikum vorab gewarnt. Im Gegensatz zu Schütz, dessen Werke Hoffnung und Erlösung in sich tragen, haben Hartmann und Poulenc auch Klage und Mahnung, Leid und Qual Ausdruck verliehen, mitunter gesteigert bis zum ohrschmerzenden Schrei.

Karl Amadeus Hartmanns »Friede anno 48« greift einen Text des Barockdichters Andreas Gryphius auf, der sich auf das Ende des Dreißigjährigen Krieges bezieht, also jene Zeit, während der Heinrich Schütz am Dresdner Hof angestellt gewesen ist. Für seine Kantate hatte man die Sopranistin Johanna Winkel sowie den Pianisten Philip Mayers verpflichtet. Das Werk beginnt mit beiden als Duo, die sich in den Strophen zunächst mit dem Chor abwechseln. Nach und nach verschmelzen diese Teile aber, werden die Übergänge fließender. Der Text lenkte vom Rühmen auf das erfahrene Kriegsleid, auf Zerstörung, Pest und Hungersnot, auf Greuel und Tyrannei, gibt aber am Ende der Hoffnung auf Frieden Ausdruck, auf »noch etwas Frist« und darauf, »…daß ich der handvoll Jahre | Froh werd eins vor meiner Bahre«. Hartmann hat den Text in teilweise grellen Farben umgesetzt, eindringlich und vor allem in der Höhe vibratoreich vorgetragen von der Sopranistin. Johanna Winkel fand ebenso Ausdruck für Entsetzen und Abscheu, wie sie auch mit Klarheit und Hoffnung berührte. Die Texte des Chores wiederum werden teilweise deklamatorisch vorgetragen, aber auch mit Wiederholungen und kanonähnlich versetzten Stimmen ausgestaltet, besonders beeindruckend in der dritten Strophe »Liebe ist…«, die mit den Männerstimmen beginnt. Der Kammerchor zeigte sich als Chronist, schuf eine dichte, düstere Atmosphäre. Oft schwellen seine Stimmen an, wenn der Mensch beispielsweise um Erlösung rufend und nach Umkehr suchend »Liebe schreit«, so wurde dies auch als Schrei erfahren. Nach einer abschließenden Zäsur wird der Friedensgedanke schließlich als Ziel formuliert, im Choral aufgegriffen.

Noch greller ist die Musik Francis Poulencs zu Gedichten Paul Élards, welcher aber schon im Text schrieb, daß »dieser Frühling« der »häßlichste« sei. Nachdem »Figure humaine« den Krieg zunächst apokalyptisch darstellt, kulminiert das Werk in einem 21 Verse langen Bekenntnis zur Freiheit, die – als Inbegriff der Menschlichkeit – auf alles zu schreiben ist, was das Menschsein ausmacht. Auch hier wurden Greuel und Schmerz musikalisch greifbar, spürbar, dennoch berührend, packend vorgetragen, mit einer die existentielle Kraft beschreibenden Intensität.

Eingeschoben zwischen diese auch die Zuhörer fordernden Stücke und dennoch von nicht geringerer Stärke waren zwei Vertonungen Heinrich Schütz’ nach Martin Luthers »Verleih uns Frieden« und Johann Walters »Gib unsern Fürsten« – auch damals also schon der Wunsch, daß sich die regierenden (Fürsten) auf Frieden und Freiheit, auf die Menschenwürde besinnen mögen.

9. November 2015, Wolfram Quellmalz

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