Jules Massenets vergessene Oper? »Don Quichotte« am Mittelsächsischen Theater in Freiberg

»Manon« und »Werther« fallen einem zuerst ein, dann wahrscheinlich »Thaïs« (obwohl das selten, zuletzt in Lübeck, gespielt wird, aber jeder kennt die »Meditation« daraus) oder »Le Cid«. Massenet ist – ausschließlicher noch als Richard Wagner – ein Opernkomponist gewesen. Während man bei Wagner auch Stücke wie das Albumblatt für Frau Betty Schott für Klavier, die Wesendonck-Lieder, die C-Dur-Sinfonie, das Siegfried-Idyll und Eine Faust-Ouvertüre aus Konzerten kennt, tauchen in Massenets Werkkanon heute fast ausschließlich Opernkompositionen auf, obwohl auch dieser Klavierstücke, Suiten und Lieder geschrieben hat. Dazu zählt auch »Don Quichotte«, der 1910 an der Opéra de Monaco uraufgeführt worden ist. Henri Cain hatte das Libretto nach Szenen aus Miguel de Cervantes‘ parodistischen Ritterroman verfaßt.

»Don Quichotte« in Freiberg – man könnte meinen, das wäre ein Beitrag, erneut ein vergessenes Werk wiederzuentdecken und sich im Programm von anderen Bühnen zu unterscheiden. Oder, daß Raoul Grüneis einer Vorliebe für französische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts frönte. Tatsächlich fand sich im Archiv der TU Bergakademie Freiberg sogar ein Schreiben von 1805, welches belegt, daß Massenets Vater Alexis das Recht zugesprochen bekam, an der dortigen Akademie Vorlesungen zu hören. Vater Massenet war nämlich nicht nur Offizier gewesen, sondern hatte eine polytechnische Ausbildung zum Ingenieur bzw. Bergbauingenieur genossen. Massenet und Freiberg gehören sozusagen zwingend zusammen.

Jules Massenet, das sind schöne Musik sowie Balletteinlagen, damit ersteht auch (wieder) ein Stück Paris in Freiberg (und ab Dezember in Döbeln). Cains Libretto orientiert sich zwar an der Romanvorlage, entnimmt dieser aber nur einzelne Szenen und ändert diese auch. Die wichtigste: Dulcinea, Don Quichottes Angebetete, ist im Roman ein in der Jugend verehrtes Bauernmädchen, daß der Junker niemals wiedertrifft. Sie entspricht einem verklärten Ideal oder einer platonischen Vorstellung. Bei Cain wird sei leibhaftig als von allen Männern umschwärmtes reiches Mädchen, deren Halskette Don Quichotte von einer Räuberbande zurückerobert. Auch in der Oper wird natürlich vom Kampf mit den Windmühlenflügeln erzählt. Hier wie da und wie im Roman ist Don Quichotte meist der geschlagene, der Prügel bezieht. Zwar bringt er Dulcinea die Halskette zurück, doch zur erhofften Heirat kommt es nicht…

Dramaturgisch ist das Stück ein Wagnis, denn es rafft – nicht immer glücklich – die Handlungen in wenigen Szenen und verhältnismäßig kurzer Zeit (fünf Akte in etwa zwei Stunden). Große Zeitsprünge bleiben da nicht aus, und die Frage nach der Glaubwürdigkeit (Szene, in der der gefesselte Don Quichotte die Räuber beeindruckt und sie scheinbar bekehrt) sollte man besser nicht stellen. Man stellt sie auch eigentlich nicht in Freiberg, denn schon de Cervantes‘ Vorlage ist eine Parodie – wozu mehr daraus machen, etwa erklären? Allerdings fallen die Lücken und Brüche durch den deutsch gesungenen Text (Ernst Huldschinsky [1845 bis 19??]) natürlich auf.

Das Mittelsächsische Theater erzählt den Stoff als parodistisches Phantasiestück. Regisseurin Kristina Wuss und ihr Bühnen- und Kostümbildner Tilo Staudte tauchen das Stück ins Licht eines Märchens, lassen unglaubliche Episoden erzählen, die aber nicht gespielt werden (Windmühlenflügel), sondern auftauchen als bewegliche Lichtbildprojektionen und Versinnbildlichungen. Farbig wie musikalisch bunt und mit Tanzeinlagen (Choreographie: Martina Morasso) incl. regional typischer Weißkohlköpfe zum Erntefest vertraut das Regieteam der Musik und der Suggestionskraft der Bilder. Schon Miguel de Cervantes hat sich auf die erzählten Ritterromane seiner Zeit bezogen und läßt die Geschichte seines Don Quichotte von einem Erzähler (dem Cide Hamete Benengeli) wiedergeben. Bei Kristina Wuss taucht er in der stummen Rolle eines Stadtschreibers mit Buch und Feder auf.

Wuselig geht es in Don Quichottes Leben zu – zumindest in den erzählten Episoden – aber auch auf der Bühne, wo neben den Hauptpersonen, dem Stadtschreiber und einem Tanzterzett nicht nur der erweiterte Opernchor als Volk oder Räuberbande Auftritte hat, sondern auch Don Quichottes Pferd Rosinante und der Esel Sancho Pansas. Barbora Fritscher als verwöhnte Dulcinea scheint aus einer anderen Welt, glänzt und trällert, ist schön und hört sich auch so an. Um sie herum fiebern nicht nur vier Kavaliere (Lindsay Funchal, Susanne Engelhardt, Jens Winkelmann und Derek Rue) um Aufmerksamkeit. Sergio Raonic Lukovic als Don Quichotte ist stimmlich stark und präsent, reif und gleichzeitig naiv in seiner Idealisierung der Ideale wie auch Dulcineas. Stimmlicher Glanz und Farbe gehen diesem Quichotte aber etwas ab – er ist schon durch Niederlagen gescheitert – ein Ritter von trauriger Gestalt. Da kommt Martin Gäbler als Sancho weitaus jugendfrischer und agiler daher, aber auch fröhlicher und dem Genuß mehr zugetan – ein wenig erinnert er an einen Papageno. Doch Sancho ist nicht nur Unterstützung und Kampfgefährte, sondern versucht auch hier und da vermittelnd einzugreifen, Unheil zu verhindern – allein, es nützt nichts. Don Quichotte bleibt geschlagen, zurück. Oder nicht? Er folgt seiner inneren Stimme (und stirbt) – sagen zumindest die Geschichtsbücher.

Die Mittelsächsische Philharmonie ist nicht nur an den Wechsel der Genres und Stilrichtungen gewöhnt, sondern besonders unter Raoul Grüneis mit der französischen Musik vertraut, weiß Farben musikalisch zu erzeugen. Rhythmisch straff geht es durch den Abend, folgen unterschiedlich ausgestaltete, wechselnde Szenen. Dabei erweist sich die Mittelsächsische Philharmonie aber auch als erfahrenes Opernorchester, das seine Sänger stützt und nicht überfordert.

21. Oktober 2015, Wolfram Quellmalz

Weitere Vorstellungen: 14. November, 3., 8. und 15. Januar sowie 2. und 4. Februar (Freiberg), 12. und 27. Dezember (Döbeln)

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