Elementarmusik?

Orgelkonzert mit Uraufführung

»modus vivendi« nennt das Forum für zeitgenössische Orgelmusik eine Konzertreihe, in welcher am Sonnabend in der Martin-Luther-Kirche unter dem Titel »Himmlische Längen« Jörg Herchets »komposition 1/VI für orgel« von 1985 sowie die Uraufführung Christian Münchs »Orgelpredigt« zu hören gab. Ziel des Forums ist es, der zeitgenössischen Orgelmusik einen angemessenen Rahmen zu geben, auch jener, die gänzlich »neu« und noch nicht etabliert ist. Lydia Weißgerber und Reimund Böhmig, beide gehören zu den Initiatoren der Reihe, spielten die beiden Werke auf der Jehmlich-Orgel.

Jörg Herchets Komposition ist einer Seligpreisung (»Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen« nach Matthäus 5,9) zugeordnet, die das Streben nach einem Frieden zwischen Eheleuten, Nachbarn, Völkern beinhaltet. Im Untertitel wiederum (»…und vielleicht gibt es weder erde noch mensch«) bezieht er sich auf das Gedicht »Descartes« von Jose Luis Borges, in dem der Denkende sich fragt, ob Mond, Dichter, Farben und schließlich er selbst existieren oder nur von ihm geträumt sind.

Diesem weiten Spannungsfeld gibt Jörg Herchet keine melodiöse Linie, keinen in Noten umgesetzten Schrifttext, sondern »zerlegt« die Musik in ihre Elemente. Ein Glissando löst das Werk gewissermaßen aus, das zunächst in einem Pedal-Ostinato seine Basis findet, über dem immer wieder neue Elemente auftauchen. Akkorde, kurze, wiegende Melodiebruchstücke, Tonleitern, Rufe. In mehreren Teilen formieren sich diese Elemente, kulminieren in Klangkaskaden, schwellen zuweilen gewaltig an. Auch gibt es Auflösungen, Beruhigung. Im Verlauf bilden sich mehrere Ebenen des Hörens heraus, verschiedene Tongruppen und Höhenlagen, dazwischen mahnend klingende Fragmente, aber auch wie elektronisch wirkende Störgeräusche, langanhaltende Dissonanztöne, deren Wahrnehmung sich nicht zuletzt durch die Tonlänge verändert. Jörg Herchet steigert dies bis zu Tinnitusklängen, verwendet aber auch massive, donnernde Akkorde. Das Ostinato-Motiv und ein Glissando kehren vor Ende wieder, scheinen das Werk zu beruhigen, was sich aber als trügerisch erweist. Der Tinnitus taucht erneut auf, nun langsamer über der Melodie. Eine Entsprechung oder Wiedergabe der Texte zu finden, hat sicher niemand erwartet, mit einer enormen Länge voller massiver Tonfolgen und »Störungen« verebbt das Werk in einer scheinbaren Sackgasse der Einsamkeit – oder nicht? Weit entfernt von Gefälligkeit erfordert Jörg Herchets Werk auch seitens der Zuhörer Auseinandersetzung.

Auch bei Christian Münch taucht der Tinnitus auf, diesmal weniger spitz allerdings und als Tinnitusakkord, denn auf diese Klangkombination bezieht sich der Komponist während seines ganzen Stückes. Auch dieses formal einsätzige Werk besteht aus unterschiedlichen Teilen. Zu Beginn werden einzelne Akkorde erzeugt, hohe zunächst, auf welche die Tinnitus-Akkorde folgen, tiefere später. Der Nachhall der Kirche ist in der Komposition inbegriffen, vor allem im ersten Teil mit Pausen deutlich wahrnehmbar. Aber auch später, wenn Akkorde ineinander übergehen oder parallel gespielt werden, ist er Teil des Mischklanges. Immer wieder treten Einzeltöne hervor, taucht ein versteckter Choral auf, oder ein Liedfragment, das entfernt an den Beginn von »Isoldes Liebestod« erinnert. Im Duktus läßt sich der »Orgelpredigt« vielleicht ein Text unterstellen. Er beruhigt über lange Strecken, um dann überraschend loszudonnern, aufzuwecken – Rhetorik als dramaturgisches Konzept. Doch Antworten gibt auch diese »Predigt« nicht, sie verebbt als Frage oder Zweifel, mit dem Tinnitus-Akkord über Bässen.

11. Oktober 2015, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s