Magnificat!

La Chapelle Rhénane beim Heinrich Schütz Musikfest in der Dresdner Frauenkirche

Das Magnificat, der Lobgesang Marias, gehört zu den wichtigsten Andachtstexten der Christen. Er fand nicht nur in Luthers Bibelübersetzung Niederschlag, sondern auch in zahlreichen Vertonungen, etwa für Vespern. Manche Komponisten haben gleich mehrere Werke danach geschaffen – von Orlando di Lasso sind über einhundert Magnificat-Sätze überliefert, von Heinrich Schütz vier.

Orlando di Lassos »Magnificat Praeter Rerum Seriem« (1582 entstanden) war ein Ausgangspunkt der Kirchenmusikgeschichte, an den sich zahlreiche Werke anderer Komponisten anschlossen. Insgesamt zehn waren am Donnerstagabend in der Frauenkirche zu hören – zehn Vertonungen des gleichen Textes, auch das zählt zu den Besonderheiten, die im Rahmen des Heinrich Schütz Musikfestes initiiert wurden. Neben di Lassos Text aus dem 16. Jahrhundert sind alle anderen im 17. entstanden. Heinrich Schütz‘ vier Werke (1647, 1657, 1665 und 1671) wurden allesamt aufgeführt, dazu Magnificat von Giovanni Gabrieli, Michael Praetorius, Claudio Monteverdi und Samuel Scheid. Und als wäre dies nicht genug, enthielt das Programm auch ein Werk des nahezu vergessenen Alessandro Melani.

Die La Chapelle Rhénane unter der Leitung von Benoît Haller gehört zu jenen Ensembles, die sich auf Werke der Renaissance und des Frühbarock spezialisiert haben, mit alten Instrumenten, Dulcian und Zink spielen. Der Chor besteht aus acht Sängern (jede Stimme zweifach besetzt, dabei zwei Altisten), der sich harmonisch untereinander und in den Instrumentalklang einfügt. Auch hier gab es selbstverständlich unterschiedliche »Chörigkeit« – vier-, fünf-, sechs- und achtstimmig, mit »Favoritsängern« (Schütz‘ Magnificat SWV 468 von 1665) oder auch »vierchörig, vocaliter & instrumentaliter« (Mehrstimmigkeit von Sängern und Instrumentalisten bei Gabrieli, 1615). Hier wie da überzeugte La Chapelle Rhénane vor allem mit einem geschmeidigen Mischklang, darin, daß sich Sänger und Instrumentalisten aufeinander einstimmten. So waren beispielsweise die Soprane (Andrea Brown, Tanya Aspelmeier) sehr unterschiedlich, Benoît Haller sorgte jedoch stets für die passende Begleitung. Geschmeidigkeit und Wohlklang verströmte dabei schon der Basso continuo (Orgel, Baß, Harfe), aber auch Violinen und Bläser waren eindeutig Unterstützer des Chores.

Zwischen Freude und Dankbarkeit, Jubel und Anbetung schwebten die Werke, wobei durch Musik und Gruppierungen eine große Bandbreite der Gefühlsausdrücke dargeboten wurde. Immer wieder gestaltete La Chapelle Rhénane besondere Momente, ob eingangs in Gabrielis Werk mit vier verteilten Stimmengruppen, Praetorius feierlich getragenem Gesang, in di Lassos schwebender a-capella-Vertonung oder so prachtvollen Magnificat wie von Claudio Monteverdi. Auch Heinrich Schütz‘ Werke sind nicht nur nach Zeit und Anlaß unterschiedlich, sondern reichen auch im Ausdruck von schlicht (SWV 426, 1657) bis feierlich und effektvoll (SWV 344, 1647 und SWV 468, 1665).

Durch die wechselnde Werkanordnung, die nicht stur einer Chronologie oder einem stetigen Zuwachs an »Imposanz« folgte, ergab sich damit ein spannender, fast zweistündiger Abend.

9. Oktober 2015, Wolfram Quellmalz

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