Illustrative Musik

Unter dem Motto »Klang-Bilder« verbinden sich beim Schütz-Fest die Künste

Wir sind daran gewöhnt, den Künsten große Aufmerksamkeit zu widmen und uns auf (meist) eine zu konzentrieren. Das Ansehen von Bildern und das Anhören von Musikstücken findet in der Regel getrennt, in eigenen Mußestunden statt, nicht zuletzt, weil keine der beiden nur »Beiwerk« der anderen sein soll und weil die Verarbeitung von Sujets, selbst konkreter Topoi, die Sinne unterschiedlich anregt. Somit können Bilder mit Musik – oder umgekehrt – auch eher verhindern als Fördern. Im Rahmen des Heinrich Schütz Musikfestes führte die Kunsthistorikerin Miriam Botha dem Publikum in der Annenkirche die gemeinsamen Wurzeln und Intentionen beider Künste vor Augen und Ohren. So lassen sich – nicht nur im handwerklichen – Symbole und Effekte des Ausdrucks oder der Stimmung gegenüberstellen. In erster Linie war es dennoch ein Konzert, und das Erleben darüber hinaus für jeden Zuhörer bzw. Zuschauer höchst individuell. Doch sollte hier auch kein neues Format kreiert, sondern ein alternatives Angebot ausprobiert werden.

Auch Hermann Max, »Artist in Residence« des Schütz-Festes, hatte sich kurz mit Worten an seine Zuhörerschaft gewendet, zu seiner Musik gesprochen, aber auch mit etwas Übertreibung und selbstironisch gemeint, im Grunde ginge es immer um die gleiche Geschichte: ein Jüngling liebt ein Mädchen, das ihn wiederum nicht liebt – nein, nicht Schumann diesmal. Auch wenn Hermann Max die Klang-Bild-Idee mit ins Leben gerufen hat, so weiß er doch, daß manchmal in der Konzentration auf eines die Erkenntnis oder der Genuß liegen kann. So empfahl er auch, den Text bzw. die Übersetzung zweier Lieder von Adriano Banchieri nicht zu lesen – zuviel Belehrung kann der Erkenntnis auch im Wege stehen.

Gerade diese beiden Stücke aus »Barca di Venezia per Padova« (Geschichten einer Überfahrt von Venedig nach Padua) waren mit Niclauss Kippells »Gondola« am illustrativsten bebildert. Die Überfahrt muß fröhlich gewesen sein, voller Schelmereien und Anspielungen steckten die Lieder, von den fünf Sängern der Rheinische Kantorei halbszenisch dargestellt – dafür gab es auch schon mal zwischendurch Applaus. Ebenso heiter: Johann Herrmann Scheins Studentenlieder (ja, was haben die damals gesungen!) »Holla, gut Gsell« oder »Frisch auf, ihr Klosterbrüder mein«. Doch auch Heinrich Schütz hat mehr vertont als nur Psalmen, wie seine italienischen Madrigale zeigen durften. Schon »Giunto è pur, Lidia« interpretierten die Rheinische Kantorei und die Musiker des Kleinen Konzerts mit großer Lieblichkeit, wozu die Harfe im Basso continuo viel beitrug. Mit wenigen alten Instrumenten und maximal zehn Sängern lassen sich individuelle Klangbilder zaubern, auch das bewies das Konzert. Und so hatte man – trotz viel Schütz in wenigen Tagen – kein Wiederholungserlebnis, sondern konnte sich am einmaligen Ereignis erfreuen. Auch Schütz‘ Psalmvertonungen aus der Geistlichen Chormusik, welche wenige Tage vor dem Schütz-Fest erst mit dem Dresdner Kammerchor erklangen, hatten – ganz abgesehen von den unterschiedlichen Aufführungen (großer à-capella-Chor / kleines Solistenensemble mit Instrumenten) – eine große erzählerische Bildkraft. Gerade hier schuf die zweite und andere Aufführung neue Reize. Eine andere Wiederholung war im Programm inbegriffen: Sowohl Heinrich Schütz als auch Anton Colander hatten den Text »Wie ein Rubin in feinem Golde leuchtet« vertont.

Erschüttern, aufrütteln will Hermann Max mit seiner Musik. Wohl auch anrühren, bereichern – das hat er. Mit seinen Sängern betonte er vor allem die Aussage des einzelnen, erweckte Worte zum Leben. Mit klaren Stimmen die Emotionen ausloten wie die Maler mit Farben, das war nicht nur ein Motto für einen Abend, das ist eine Einstellung zur Musik, denn die gehört – im Gegensatz zu Bildern, nicht ins Museum.

5. Oktober 2015, Wolfram Quellmalz

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