Moderne Werke für Cello im Projekttheater

Bernd Alois Zimmermann und Uraufführung einer Kantate Jörg Herchets

Seine »Alten Meister« hat Cellist Matthias Lorenz nicht im Barock oder in der Renaissance, sondern in den Jahren zwischen 1960 und 1970 gefunden. Nachdem das Violoncello in der Romantik vor allem als Konzert- und Kammermusikinstrument eine Blütezeit erlebt hatte, bekam es im zwanzigsten Jahrhundert von Komponisten wie Max Reger, Zoltán Kodály und Paul Hindemith wieder bedeutende Solowerke geschenkt. Auch Pablo Casals entdeckte in dieser Zeit Johann Sebastian Bachs Suiten wieder. Neue Impulse bekam die Celloliteratur durch Bernd Alois Zimmermanns Solo-Sonate von 1960, in deren Folge Werke von Iannis Xenakis (1964), Helmut Lachenmann (1969) und Isang Yun (1970) entstanden sind. Diese vier hatte Matthias Lorenz bereits 2014 seinem Publikum vorgestellt, am letzten Donnerstag im September gab es das erste Konzert der daraus hervorgegangenen Reihe »Alte Meister« im Dresdner Projekttheater. Dabei wird jeweils eines der Werke ausführlich vorgestellt und mit der Uraufführung eines weiteren verbunden.

Die »Kantate zum 2. Sonntag nach Trinitatis« (Trinitatis = 1. Sonntag nach Pfingsten) ist für Violoncello solo und Publikum geschrieben. Wie bei den Kantaten für den Gottesdienst, in denen die Gemeinde am Choralgesang beteiligt ist, waren die Zuhörer also angehalten, an der Aufführung mitzuwirken, wozu ein Partiturblatt ausgeteilt worden war. Grundsätzlich will Jörg Herchet seine Kantaten, ein 1978 mit dem Autor Jörg Milbradt begonnenes Großprojekt, jedoch nicht als kirchliche Werke verstehen (einige davon beziehen sich auf katholische Feiertage, andere sollen ein Tor zum Zen-Buddhismus öffnen), sondern als Stücke für konzertante Aufführungen.

Jörg Herchets Kantate schafft Bezüge auf verschiedenen Ebenen, Strukturen, die sich wesentlich auch auf Intervallsprünge beziehen. Dazu zählen Wiederholungen mit Veränderungen ebenso wie ein »Allintervallakkord«, welcher die gesamten Tonstufen einer Oktave einschließt. Matthias Lorenz hat dies mit großer Intensität und Hingabe gespielt und Strukturen offengelegt. Ein Stück für wache Zuhörer, denn Strukturen und Intervalle sprechen vor allem intellektuell an, emotional berührend ist die Kantate weniger. Die »Vox humana« haben Komponist und Solist über den gesanglichen Aspekt hinaus auf gesprochene Worte als musikalische Bestandteile erweitert und angewendet. Gerade dies wurde aber auch vom Publikum aufgenommen, so daß die erstmalige Aufführung und die (unvorbereitete) Mitwirkung der Zuhörer (Worte und Laute sollten mit Atemlänge, zum Teil in beliebiger Reihenfolge und individuellem Maß, gesprochen werden) gelang.

Alle Werke des Abends nahmen Bezug ein Zeitverständnis, welches Erinnern, Wahrnehmen und Erwarten einschließt. Neben Braxton Sherouse‘ »Inflection Study« war Bernd Alois Zimmermanns Solo-Sonate jedoch musikalisch deutlich bereichernder und klanglich erfüllender. Symmetrien, Wiederholungen, Modulationen und Tempi sind wesentliche Bausteine der Sonate, die aber auch erregend und insistierend die Sinne ansprach.

25. September 2015, Wolfram Quellmalz

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