Märchenhafter Abend

Daniel Behle, Hans-Jürgen Schatz und Sveinung Bjelland gestalten Ludwig Tiecks »Schöne Magelone«

Das alte Märchen »Die schöne Magelone«, schon im 15. Jahrhundert in Frankreich erzählt, wurde im 16. ins Deutsche übersetzt. Hans Sachs und Lope de Vega bearbeiteten den Stoff, schließlich auch Ludwig Tieck. Seine »Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence« erschien 1797. In den Text eingelassen sind fünfzehn Gedichte bzw. Gesänge, die sich auf die Handlung beziehen. Diese hat Johannes Brahms in den 1860er Jahren vertont und in seinem op. 33 zusammengefaßt.

Im Rahmen des Dresdner Kunstfestes gab es beides, Text und Lieder, am Montag im Riesensaal des Residenzschlosses zu erleben. Es war der dritte Liederabend im Rahmen der Reihe »Lied und Diplomatie«, diesmal nicht mit einem Sänger aus einem der Länder, mit denen der Sächsische Hof in enger Verbindung stand, sondern mit dem Hamburger Tenor Daniel Behle. Sachsen Beziehungen zur Welt repräsentierten sich diesmal im Text, denn von der Provence führt es den Helden der Geschichte nach Neapel und in den Orient. Hier wie dort ist er mit seinem einnehmenden Wesen niemandes Feind, auch dann nicht, wenn er nicht unter Christen, sondern unter »Mohren und Heiden« weilt. Nach allerlei Erlebnissen und zwei langen Jahren kehrt Peter zurück und findet seine geliebte Magelone wieder. Der von Ludwig Tieck hochromantisch und dramatisch wiedergegebene Stoff fand in Hans-Jürgen Schatz einen wahrhaften Erzähler, den man heute schon in eine Reihe mit solchen Vorleselegenden wie Hans Paetsch oder (den in Dresden geborenen) Gert Westphal stellen möchte. Wenn Schatz von rauschenden Bäumen und zischenden Meereswogen erzählt, hat man diese vor Aug‘ und Ohr und befindet sich mitten im dramatischen Geschehen.

Dicht, bündig verwoben waren Texte und Lieder, kurze Ruhepausen wie in einem »echten« Liederabend gab es nicht, dazu wäre der Handlungsverlauf auch zu unruhig gewesen. Und während Hans-Jürgen Schatz Orte und Umgebung erstehen ließ, stellte Daniel Behle die Liebesfreuden und -leiden des jungen Prinzen Peter dar. Sanft säuselnd umschmeichelte er Magelone, ließ Liebe glücklich erblühen, zaghaft erst, zart und innig. Die Ereignisse ringen ihm aber auch manche Mutprobe ab, lassen ihn mit dem Schicksal zürnen und verzweifeln, doch nie aufgeben. Als schließlich alles wieder ins Lot kommt, ließ Daniel Behle bei Peters Seligkeit die Stimme in den Diskant gleiten – Unfaßbarkeit. Und doch bediente sich der Sänger nicht der großen dramatischen Gesten und Kniffe, sondern blieb stets sparsam mit dem Einsatz derselben. Mit dem gleichermaßen malerischen Begleiter Sveinung Bjelland (der Bechstein war wieder nur leicht geöffnet, was für Liederabende selbstverständlich sein sollte, heute aber eine Seltenheit ist) machte das Trio den Riesensaal damit nicht zur großen Theaterbühne, sondern schuf mitten im Raum eine kleine Märchenwelt wie am Kamin für die davor versammelten Zuhörer.

22. September 2015, Wolfram Quellmalz

Das Trio Schatz-Behle-Bjelland hat »Die schöne Magelone« auch aufgenommen. Dort allerdings sind Lieder und Lesung auf zwei getrennten CDs. (Johannes Brahms, Die schöne Magelone op.33, Hans-Jürgen Schatz, Daniel Behle, Sveinung Bjelland, Capriccio)

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s