Benefizkonzert für die Konzertorgel im Kulturpalast als (vorläufiger) Höhepunkt eines Marathons

Peter Schreier dirigierte Wolfgang Amadeus Mozarts »Ave verum corpus« sowie sein Requiem

Es dürfte kaum ein Platz mehr freigewesen sein am Sonntagabend in der Dresdner Kreuzkirche. Selbst an der Abendkasse hatte sich noch eine lange Schlange gebildet. Warum? Weil es etwas besonderes gab: Peter Schreier, der im Juli seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte, dirigierte die Dresdner Philharmonie, den Philharmonischen Chor Dresden sowie vier Solisten. Mozarts Requiem stand auf dem Programm, aber auch seine Motette »Ave verum corpus«. Als Benefizveranstaltung für die Konzertsaalorgel des im Umbau befindlichen Philharmonie-Domizils dürfte der Förderverein seinem Ziel, eine Million Euro für das Instrument zu sammeln, nun (also mit dem Erlös des Konzertes) schon sehr nahe gekommen sein.

Peter Schreier hat in den letzten Jahren immer wieder betont, daß ihm Ausdruck wichtiger sei als »schöne Töne« und er deshalb sogar bereit wäre, unschöne Töne zu riskieren. Diese Erkenntnis bzw. Befreiung habe sich bei ihm erst später eingestellt. Manche der hochgelobten früheren Aufnahmen scheinen ihm offenbar zu »blank«, zu »glatt«. Daß er diesen Gestaltungsgrundsatz ernst meint, konnten sich seine Zuhörer am Sonntag in der Kreuzkirche überzeugen. Energisch und kraftvoll leitete Peter Schreier das Konzert, forderte immer wieder Ausdruck ein.

Den bekam er auch. Ute Selbig (Sopran), Britta Schwarz (Alt), Eric Stoklossa (Tenor) und Sebastian Wartig (Baß) sind allesamt erfahrene Oratorien- und Kirchenmusiksänger, haben schon oft gemeinsam auf der Bühne gestanden. Daß sie dabei eine innere Bindung aufgebaut haben, merkte man deutlich, denn schnell wußte das Quartett diese Verbundenheit und Einheit auch musikalisch umzusetzen. Zart und klar, aber auch mit einer Tragfähigkeit für den ganzen Raum, erklang Ute Selbigs Sopran, warm, geschmeidig und kraftvoll gestaltete Sebastian Wartig das Tuba mirum, wozu die Posaunen erklangen. Dramatisch bebend setzten auch Eric Stoklossa und Britta Schwarz ein.

Auf die »Gefühlsebene«, das Beteiligtsein von Sängern und Zuhörern, hatte Peter Schreier offenbar Wert gelegt. Es ging nicht darum, sich eine Geschichte oder (für einem guten Zweck) Musik anzuhören. Spätestens beim Rex tremendae wurde klar, was Schreier meint, wenn er Ausdruck fordert und die Schönheit zurückstellt. Damit verlieh er den »schrecklichen Gewalten« den Schrecken, den Mozart mit grellen Tönen der Musik eingepflanzt hat. Gleich im anschließenden Recordare führt der »milde Jesus« bereits wieder eine Umkehr herbei, besonders schön gestaltet von Sopran und Tenor.

Die Philharmonie unter Konzertmeister Wolfgang Hentrich spielte mit wenig Vibrato, setzte es vor allem dort ein, wo es die Dramaturgie verlangte. Dadurch klangen die Kontraste um so schärfer, ohne daß Klangmassen auf die Zuhörer eingestürzt wären. So gab es aber trotzdem auch besonders schöne Momente, etwa die Streicher in der sechsten Strophe des Recordare, als sie das um Gnade flehen des Textes sinnig spielten.

Immer wieder fiel diese Besinnung auf den Text auf, wenn sich das Lacrimosa nach leisem Beginn fast bis zum Schrei steigerte, oder wenn das Domine Jesu im Offertorium wie gesprochenes Gebet, wie ein »Vaterunser« klang.

Und immer wieder brillieren die Solisten, wenn Alt oder Baß zum Beispiel mit geringstem Aufwand für jedermann erreichbar sangen, berührten.

Gunter Berger hatte den Philharmonischen Chor wunderbar präpariert. Daß dieser im Umgang mit dem lateinischen Text weniger versiert ist als zum Beispiel ein Kirchenchor, merkte man an der deutlichen (der Verständlichkeit dienenden) Silbenbetonung, auch manche Intonation war da nicht ganz sicher. Doch auch der Chor war eben dem Credo verpflichtet, daß Gestaltung über Schönheit ginge.

Nicht vergessen werden dürfen die hervorragenden Bläser, die wesentlich zur Atmosphäre beitrugen, aber auch ganz prominente und dramaturgisch aufgeladene Aufgaben hatten.

Peter Schreier hat für ein dichtes, packendes, ergreifendes Konzerterlebnis gesorgt. Die andächtige Ruhe nach dem Requiem wurde durch keinen Laut unterbrochen – wie schön, denn zum Schluß wurde noch einmal das innige und ruhige »Ave verum corpus« wiederholt. Leise, schlicht, brillant. Kaum jemand, der da nicht ergriffen war, da dürfte am Ende niemand mehr gesessen haben.

21. September 2015, Wolfram Quellmalz

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