Glühender Abschluß und nachgeholte Uraufführung

Brahms, Mendelssohn und Pintscher standen in Moritzburg im Mittelpunkt

Das letzte Wochenende des Moritzburg Festivals hielt seinen treuen Besuchern wieder zahlreiche Höhepunkte bereit. So wurde im Abschlußkonzert die Auftragskomposition Matthias Pintschers für Jan Vogler nachgeholt. »Now II« erklang am Sonntagmorgen und fand reges Interesse. Wie schon »Uriel« am Mittwoch ist es ein spannendes Werk, das weniger auf Motiventfaltung als auf Klangerlebnissen beruht. Wie ein »Espresso für Cello« bildet es ein Konzentrat aus Wirkstoffen –es sind Töne, eine ganze Palette, die Jan Vogler geradezu virulent flimmern und durch die Moritzburger Kirche pulsen ließ. Ganz anders als das zuvor noch erklungene »Svelto« für Klaviertrio. Obwohl mit viel Präzision vorgetragen und dadurch auch nachvollziehbar – »übersichtlich« – konnte man sich dafür nicht wirklich erwärmen. Auf Mendelssohn hat sich der Komponist darin bezogen, doch wirkte sein Trio im Vergleich mit dessen Elfenmusik fad‘. Sinniger und auch schöner wäre es sicher gewesen, statt dessen den ursprünglich für Mittwoch geplanten Programmteil »Now II« und »Uriel« noch einmal im Verbund aufzuführen, immerhin sind es beides Teile eines Werkes.

Der Sonnabend brachte zunächst aber auch eines der Moritzburger Extras, die Bezeichnung »Leckerlies« verbietet sich eigentlich aus Gründen der Achtung, doch dürfte es mancher Besucher als solches empfunden haben. Und da es Leiter Jan Vogler vor dem ganzen Publikum »ausgeplaudert« hat, sei es hier noch einmal erwähnt: Lise de la Salle und Kyle Armbrust haben sich im Moritzburg verlobt. Vor fünf Jahren lernten sie sich an gleicher Stelle kennen, spielten 2010 unter anderem Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur im Ensemble. Nun gehörte ihnen das »Vorprogramm« des letzten Moritzburgabends mit Johannes Brahms‘ erster Viola-Sonate und zwei Auszügen aus Vadim Vasilyevich Borisovskys Bearbeitung der Romeo-und-Julia-Suite Sergej Prokofjews. Ein großartiges Strahlen ging von Brahms‘ Sonate aus, hat es der Hamburger doch wie wenige verstanden, dem noblen Viola-Ton gerecht zu werden, in sich entfalten zu lassen. Kyle Armbrust ließ ihn gedeihen, bescherte dem Publikum schwelgerische Momente, denen Lise de la Salle glühende Farben untermischte. Mit breitem Pinsel manchmal, emphatisch, doch glaubwürdig.

Im Nachlaß Felix Mendelssohn Bartholdys fanden sich unter anderem auch einzelne Sätze für Streichquartett. Julius Rietz hat 1849, zwei Jahre nach Mendelssohns Tod, vier davon zu einem Quartett op. 81 zusammengestellt, obwohl es keine Bezüge zwischen den Stücken gibt und sie auch in unterschiedlichen Jahren (zwischen 1827 und 1847) entstanden waren. Korrekterweise handelt es sich also nicht um ein »echtes« Quartett, sondern vier einzelne Sätze. Für das Abendprogramm hatte man sich für zwei davon entschieden: das Andante E-Dur und das Scherzo a-Moll. Vineta Sareika war in dieser Woche anstelle der erkrankten Karen Gomyo angereist und hatte auch hier – nun aber von Mira Wang – noch einmal die erste Geige übernommen (bekommen). Tim Vogler (Violine), Adrien La Marca (Viola) und Jan Vogler (Violoncello) vervollständigten das Quartett und spielten mit wahrhaft Mendelssohn’scher Leichtigkeit, die schönsten Gesangspassagen gehörten dabei Vineta Sareika.

Doch was für ein Umschwung! Nicht in der Qualität der Aufführung, sondern auf das Stück bezogen. Denn Erich Wolfgang Korngolds Klavierquintett E-Dur kommt – für auf Mendelssohn eingestellte Ohren – zunächst einmal dahergepoltert. Es bezieht sich weniger auf die Vorstellung und Entwicklung oder Variation von Themen, sondern schöpft aus einer Vielzahl von Ideen – sowohl musikalisch als auch musikantisch. Oliver Triendl (Klavier), Yura Lee und Mira Wang (Violinen), Kyle Armbrust und Anssi Karttunen (Violoncello) bändigten das Werk gekonnt und lockten die zahlreichen Ideen hervor.

Wie der Abend mit dem Vorprogramm begann, so endete er auch späterhin – mit Brahms. Dessen Quintett für Streicher op. 111 hatte der Komponist in reiferen Jahren geschrieben, und mit ihm offenbar noch einmal Inspiration für weitere Werke gefunden. Die »Große Quintettschule« war dies, mit Kai Vogler und Henning Kraggerud (Violinen), Yura Lee (die ihr Instrument – was sie häufiger tut – gewechselt und zur Viola gegriffen hatte), Kyle Armbrust und Anssi Karttunen. Auch Brahms‘ G-Dur-Quintett wurde in Moritzburg zum Jubelstück – ein paar Blickkontakte, und es floß. Herrlich, wie das Cello sang, fabelhaft, wie der zweite Satz aus musikalischem Gold geformt schien – ein süßer Geniestreich! Doch – dafür kennt und schätzt man gerade Kai Vogler – blieb Brahms auch hier vor »Überzuckerung« bewahrt. Was es auszukosten galt, wurde ausgekostet, übertrieben wurde nicht. Mit einem wahrhaft lebhaften Vivace bescherte das Quintett einen fröhlichen Kehraus des letzten Abends.

Moritzburg, Vollmond – ach, wäre doch immer August…

31. August 2015, Wolfram Quellmalz

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