Bach in Steinbach

Erst zum zweiten Mal gastierte das Moritzburg Festival in der kleinen Steinbacher Dorfkirche, und doch scheint es, als gehörte der Ort von Anfang an dazu. Die Wertschätzung scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen, denn Pfarrer Steffen Brock und der Vorsitzende des Fördervereines der Kirche, Steffen Skeide, begrüßten Musiker und Publikum – in Moritzburg selbst gibt es solche Zeichen nicht, dafür aber geschlossene Parkplätze…

Seit 1998 wird die Kirche, deren Ursprung vermutlich im 13. Jahrhundert liegt, schrittweise saniert. Die erhaltene bzw. wiederhergestellte Decke mit bemalten Kassetten zeugt eindrucksvoll davon, ebenso Fresken und Wandmalereien. Manches gilt es noch zu restaurieren.

Schon zur Premiere im vergangenen Jahr hatte hier unter dem Motto »Der private Bach« Solosonaten und -partiten Johann Sebastian Bachs im Mittelpunkt gestanden, dieses Jahr hieß es »Mostly Bach« – außer dem Anglizismus gab es nichts zu bemäkeln. »Mostly« deshalb, weil nicht alles Bach war, aber auch die »Fremdwerke« bezogen sich auf den Großmeister, wie Eugèn Ysaÿes zweite, Jacques Thibaud gewidmete Solosonate.

Johann Sebastian Bachs BWV 1001 steht am Beginn seiner Solowerke und eröffnete auch den Konzertabend. Jan Vogler sollte ihn mit der Cellosonate Nr. 3, welche den Abschluß des ersten Werk-Trios dieser Art bildet, beenden. Yura Lee füllte mit der G-Moll-Sonate den Raum, üppig klang ihr Bach, zuweilen, in der Fuge, auch mit eigenwilligen Betonungen und Verlagerungen der Intensität. Das Publikum zeigte sich von ihrer Mächtigkeit aber beeindruckt.

An zweiter Stelle hatte ursprünglich das »Janusgesicht« von Matthias Pintscher mit Kyle Armbrust (Viola) und Jan Vogler (Violoncello) folgen sollen. Doch war das Programm kurzfristig geändert worden. Der ebenfalls nach Moritzburg eingeladene Hennig Kraggerud ist nicht nur ein Spitzenviolinist, weshalb er für Ysaÿe vorgesehen war, sondern auch Komponist und ein glänzender Arrangeur. So waren unter anderem seine Bearbeitungen von Grieg-Sonaten zu Violinkonzerten vor zwei Jahren auch von der Kritik mit viel Lob bedacht worden. Es war eine schöne Idee, diesem Gast etwas mehr Spielzeit einzuräumen, dafür mußte das Publikum allerdings auf Matthias Pintschers Werk verzichten.

Henning Kraggerud leitete Ysaÿes a-Moll-Sonate mit einem Volkslied Ole Bulls ein, schuf schon hier mehr als eine Überleitung, ließ Bach erklingen (der auch in Ysaÿes Sonate zitiert wird). Anschließend fand Kraggerud für Ysaÿe einen flehenden, eindringlichen, packenden Ton, brillierte aber auch mit spielerischer Leichtigkeit, mit der er im Pizzicato zurückfand zu heiter Stimmung, die im weiteren Verlauf noch an Lebhaftigkeit gewann, incl. eines in Noten gegossenen Totentanzes. Und auch der zweite »Rahmenteil« für die Sonate, eine vor Ort geschriebene Bearbeitung eines eigenen Werkes aus den 24 Postludien für Orchester, verriet die Nähe zu Bach schon in den rhythmischen Motivwandlungen, welche jene der Kunsttänze Sarabande oder Gigue ergänzten.

Den Abschluß spielte wie oben genannt Jan Vogler: Die Vibrationen des Préludes trafen den Zuhörer nicht nur ins Ohr, sondern waren bis in den Bauch zu spüren. Immer wieder formte Jan Vogler Bachs musikalisches »Amen« in der Baßlinie, malte aber auch das tänzerische Traumgebilde einer Sarabande. Die abschließende Gigue war ein einziges »Ja!« zum Leben.

29. August 2015, Wolfram Quellmalz

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