Schwelgerischer Kammerabend

Eigentlich hätte der Composer-in-Residence Matthias Pintscher diesen Abend prägen sollen, denn nach »Study IV for Treatise on the Veil« für Streichquartett von 2009, das am Dienstag erklungen war, sollte es zum zweiten Mal nach dem vergangenen Jahr eine Uraufführung in Moritzburg geben: »Now II« für Violoncello solo mit Jan Vogler. Der Festivalchef war allerdings kurzfristig erkrankt, so daß die Uraufführung leider ausfallen mußte. Da auch Matthias Pintscher aus terminlichen Gründen nicht nach Moritzburg kommen konnte und das sonst übliche Komponistengespräch deshalb entfiel, blieb vom Portrait am Mittwochabend nur »Uriel« für Violoncello und Klavier übrig, der dritte Teil eines Werkes, zu dem »Now II« als zweiter gehören wird. Wem das nicht genügt, der kann allerdings noch eine Komposition Matthias Pintschers erleben: Zum Abschlußkonzert am Sonntag steht sein »Svelto« für Klaviertrio auf dem Programm.

Anssi Karttunen (Violoncello) und Oliver Triendl (Klavier, der in Dresden bzw. Moritzburg schon oft mit zeitgenössischer Musik zu erleben war) zeichneten mit »Uriel« vor allem ein spannungsreiches Werk, und das, obwohl es im Tempo sehr gemäßigt, mitunter beinahe träge daherkommt. Pintscher setzt auf die Entfaltung einzelner Klänge, schafft Bezüge zwischen ihnen. Anssi Karttunen lotete mit den fremden Klängen tiefe Emotionen aus, sein Spiel war von großer Intensität gekennzeichnet. Der Komponist verlangte ihm zahlreiche Kontraste ab, so klang das Cello kehlig, rau, hatte aber auch hohe, fliehende Töne. Nicht das Klopfen auf den Korpus war das fremdeste, sondern das Krächzen und Pfeifen, daß Anssi Karttunen auf (aus) seinem Instrument hervorbrachte. Ein Hanfseil wird durch Segeltuch gezogen, so klang es beinahe. Langsam und stetig entwickelte sich das Werk um den Solisten, während sein Partner im wesentlichen Antworten zu geben hatte, Stichworten gleich. Oliver Triendl imitierte Phrasen, griff aber auch Saiten, um Raumklang zu erzeugen oder ein Cembalo zu imitieren. Da wäre es doch schön, wenn nicht nur die Uraufführung von »Now II« bald nachgeholt werden könnte, sondern wenn dann beide Werke im Verbund erklingen würden, so wie geplant.

Eingerahmt wurde Matthias Pintschers Werk von zweien der Romantik: Camille Saint-Saëns Klavierquartett B-Dur von 1875 und Antonín Dvořáks Quintett – nein, diesmal nicht op. 77 – Es-Dur, op. 97. Für französische Leichtigkeit sorgte vor allem Lise de la Salle am Bösendorfer, und für den Moritzburger Mehrfachbesucher war es ein Erlebnis festzustellen, wie stark sich ein Werk von der Probe (am Montag) bis zum Konzert entwickeln kann. Denn nicht nur hatten Johannes Moser (Violoncello) und Kyle Armbrust (Viola) die Sitzpositionen getauscht, insgesamt hatten die Streicher (dazu Vineta Sareika, Violine) sehr an Homogenität zugelegt und die Pianistin viel zartere Töne gefunden. So geriet Saint-Saëns Quartett süffig, jeder der vier Musiker konnte mehr als einmal solistisch daraus auftauchen. Neben viel Energie gab es gleich im ersten Satz auch feine Themenentwicklungen und -übergaben, während das Andante sehr kraftvoll und mit reichem Nachhall im an den Monströsensaal angrenzenden Steinsaal verklang.

Auch in Dvořáks Streichquintett trumpften Yura Lee und Kai Vogler (Violinen), Adrien La Marca (Viola) und Kyle Armbrust sowie Christian Poltéra (Violoncello) auf und schöpften aus dem vollen. Die Ausgewogenheit der fünf Streicher war kaum von der eines ständigen Ensembles zu unterscheiden – im Gegenteil ist das eine Moritzburgqualität, in wenigen Tagen und Proben hergestellt, an der sich manches Quartett oder Quintette orientieren sollte. Anders als bei Saint-Saëns, wo die Solostimmen oft auftrumpfen konnten, brauchte das Cello hier eine sanfte Untermalung, um so schön singen zu können. Dem stand Adrien La Marcas schmachtende Viola im dritten Satz um nichts nach. Wiegend traten nun die böhmischen Einflüsse deutlich hervor, während im zweiten noch amerikanisch-folkloristische Anklänge durchschimmerten. Mit einer lerchenhaft singenden Violine ging das letzte im Schloß stattfindende Konzert dieses Jahrganges zu Ende.

27. August 2015, Wolfram Quellmalz

Das Konzert kann noch bis zum 1. September in der Mediathek der ARD-Radiofestivals nachgehört werden:

http://www.ardmediathek.de/radio/ARD-Radiofestival-2015/Das-Konzert-Moritzburg-Festival/MDR-FIGARO/Audio?documentId=30269270&bcastId=29060708

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