Langer Abend mit der Moritzburg Festival Akademie

Der Donnerstag in der ersten Woche des Moritzburg Festivals ist seit 2010 für die sogenannte »Lange Nacht der Kammermusik« reserviert, welche jeweils der krönende Abschluß für die eingeladenen Studenten ist. Was für den Besucher ein Vierstundenkonzert mit zwei Pausen und der seltenen Gelegenheiten bedeutet, an der Preisvergabe mitzuwirken, ist für die Akademisten der letzte Teil eines umfangreichen Programmes. In nur zwei Woche gilt es, sich kennenzulernen und zusammenzufinden, das Orchester der Moritzburg Festival Akademie zu bilden und zahlreiche Konzerte vorzubereiten und zu spielen. Die Vormittage sind dem Orchesterspiel vorbehalten, die Nachmittage den Kammermusikproben. Innerhalb einer Woche gab es einen Konzertmarathon: Gastkonzert in Bad Elster, Werkstattkonzert in der Dresdner Flugzeugwerft, Eröffnungskonzert in der Gläsernen Manufaktur, noch ein Gastkonzert, diesmal am Berliner Gendarmenmarkt im ausverkauften (!) Konzerthaus, und dann: die »Lange Nacht«. Nicht zu vergessen, daß manche der Studenten auch noch bei den normalen Festivalkonzerten zum Einsatz kommen, wie Flavia Feudi (Klarinette) und Marlene Schwärzelt (Fagott) am Mittwoch in Beethovens herrlichem Septett.

Die Teilnehmer der Festival Akademie sind handverlesen, 36 (zum Teil noch Schüler) wurden aus circa 350 Bewerbern ermittelt und eingeplant. Dafür stehen Teilnehmer des Moritzburg Festivals als Mentoren zur Verfügung, die wesentliche Prägung erhält die Akademie jedoch von ihrer künstlerischen Leiterin Mira Wang. Sie teilt Gruppen ein, ordnet Partner und Stücke zu.

Was gab es also 2015? Musikerinnen und Musiker zwischen 13 (!) und 29 Jahren aus 24 Ländern und drei Kontinenten der Welt, aus Italien, Deutschland und Serbien, aus den USA, Israel und der Mongolei… Gelebte Internationalität!

So bunt wie die Akademie waren die Stücke. Sie reichten von der Klassik bis in die Moderne, von Duos bis zum Oktett. Wirklich zeitgenössisches oder ganz modernes gab es diesmal nicht – vielleicht ein Zugeständnis an die Hörer? Zwischendrin steckt auch meist ein »Exot«, diesmal der Trompeter Michael Hawes, der zusätzlich als Bariton mit vier Liedern aus Schumanns Dichterliebe auftrat. Sicher mit viel Liebe und Ambition, doch wirkten die so anderen Stücke zwischen den Kammermusikwerken etwas verloren, konnten sich nicht entfalten. Auch ist das Lied, Schumanns erst recht, zu anspruchsvoll, um es »nebenbei« zu erlernen. Es gab aber auch einige kammermusikalische Meilensteine, was immer eine Gefahr bedeutet, denn gerade Werke wie Schuberts »Der Tod und das Mädchen« oder Haydns »Kaiserquartett« bergen hohe Ansprüche – man kennt diese Stücke bis ins Detail und hat viele Vergleiche. Trotzdem gehörte Antonín Dvořáks Quintett op. 77 (fast schon eine weitere Moritzburg-Hymne neben Mendelssohns Oktett op. 20) mit Hikaru Yonezaki und Zachary Spontak (Violinen), Jossalyn Jensen (Viola), Vita Peterlin (Violoncello) und Isac Ryu (Kontrabaß) mit effektvoll eingesetztem Bogenvibrato zu den elektrisierendsten Interpretationen des Abends. Oder fünf der Duos aus Béla Bartoks op. 44, von den beiden Violinisten Daniel Abrunhosa und Frans van Schoonhoven feinsinnig und ausdrucksstark vorgetragen.

Das Publikum überzeugt hat Jean Françaix‘ Oktett für Bläser und Streicher, für dessen mit herzerfrischender Lebhaftigkeit gespielte Wiedergabe Julius Maier und Bilguun Bayatsogt (Violinen), Anne-Sophie Bertsch (Viola), Petar Pejčić (Violoncello, mit 13 Jahren das »Küken« unter den Akademisten), Samuel Loeck (Kontrabaß), Flavia Feudi (Klarinette), Marlene Schwärzelt (Fagott) und Victor Cosio Lanza (Horn) den dritten Preis erhielten – das schon zu Beginn des Programmes vorgetragene Werk hatte also nachhaltig beeindruckt. Dies hatten auch einige der Streich- und Klavierquartette, naturgemäß Schwerpunkte im Programm eines Kammermusikabends, vermocht. Zachary Spontak und Frans van Schoonhoven (beide Violinen), Janeks Niklavičs (Viola) und Jonathan Reuveni (Violoncello) erhielten denn auch für den ersten Satz aus Dvořáks berühmtestem Quartett, dem »Amerikanischen«, den zweiten Preis. Ihr Spiel hatte nicht nur Puls und Farbe, sondern auch das richtige Maß, welches dem Stück eine tiefe Verbindlichkeit verlieh.

Ganz vorn in der Gunst des Publikums mit der wohl wirklich ergreifendsten Darbietung des Abends lagen aber Alexandra Switala (Violine), Janeks Niklavičs und Jonathan Reuveni (beide also Doppelpreisträger) sowie Kalle Perksalo am Klavier, der an diesem Abend insgesamt gleich viermal als einfühlsamer Begleiter in Erscheinung getreten war. Gustav Mahlers Quartettsatz a-Moll – sonst kaum zu hören im Konzert! – gestalteten die vier jungen Musiker mit einer atmosphärischen Dichte, die schlicht umwerfend gewesen ist! Schwelgerisch, gesanglich, ma(h)lerisch, und doch auch feinsinnig und empfindsam. Das war beeindruckend, erst recht, wenn man die wenige Zeit bedenkt, in der die Akademisten zusammengefunden und (auch andere Stücke!) geprobt haben – Chapeau!

21. August 2015, Wolfram Quellmalz

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