Entführung in eine andere Welt

Clavichordkonzert im Prälatenhaus Meißen

Es ist immer ein stiller Höhepunkt des Pianoforte-Festes, das Clavichordkonzert im spätgotischen Prälatenhaus. An den »Roten Stufen« gelegen gibt es keine Straße direkt davor, dahinter ist der Meißner Burgberg – solch ruhige Veranstaltungsorte findet man selten in unseren Städten. Und Ruhe braucht es auch, denn das Clavichord, im 15. Jahrhundert etwa zeitgleich mit dem viel größeren, für den Konzertsaal gedachten Cembalo entstanden, hat einen großen Farbenreichtum, erreicht aber nur die Zuhörer in einem kleinen, stillen Raum.

Sigrun Stephan hatte beides mitgebracht: ein Clavichord (die Kopie nach einem Original von 1775 [dem Geburtsjahr des Physikers André-Marie Ampère]) sowie ein kleines Vierfuß-Cembalo (die Kopie nach einem Original von 1530 [Iwan »des Schreckliche«]), also eines, das im Gegensatz zum normalen Cembalo auf den sogenannten »Achtfuß« und damit etwa auf die Hälfte des Tonumfanges verzichtet. Zwar lassen sich nicht alle Werke auf solch einem Instrument spielen, dafür klingt es aber heller, klarer und eindringlicher; ist kleiner und handlicher – auf Reisen bequemer.

Das Programm hatte Sigrun Stephan unter das Motto »Verwandtschaften« gestellt. Innerer Bezugspunkt war dabei Johann Sebastian Bach, aus dessen »Wohltemperierten Klavier« die Cembalistin Präludium und Fuge G-Dur (aus Teil 2) sowie (als Zugabe) das Präludium C-Dur (aus Teil 1) spielte. Es gab aber auch Musik der Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel, des Amtsvorgängers in Leipzig Johann Kuhnau sowie seines letzten Schülers Johann Gottfried Müthel zu hören.

Ganz leise begann der Abend auf dem Clavichord, das seine Zuhörer fremdtönend einspinnt. Ein wenig von Harfe und Gitarre oder Mandoline hört man heraus, und selbst in den stillsten Werken, wenn die Töne verklungen scheinen, schwebt noch Musik in der Luft. So leise, daß sie sich mit dem Ruf eines Vogels draußen vermischt. Wenn man sich auf diese Klangwelt einläßt und seine Ohren von unserem Alltag weg »abgestimmt« hat, staunt man über die enorme Palette der Töne – auch in dynamischer Hinsicht. Carl Philipp Emanuels Polonaise e-Moll ist ein ungeheuer flinkes Werk, das Sigrun Stephan pointiert und mit viel Phrasierung spielte.

In der Welt des Clavichords wirkte der Applaus fast schon brutal, obwohl er verhalten dargeboten wurde. Auch das kleine Cembalo, auf dem die Künstlerin Stücke Luys de Narvaez‘, Antonio und Hernando de Cabezóns sowie Johann Kuhnaus spielte, erschien im direkten Vergleich zunächst grell, doch stellte man sich schnell um – eine enorme Silbrigkeit haftete dem Spiel Sigrun Stepans an, das an die Glöckchen einer Spieluhr erinnerte.

Wieder zurück zum Clavichord trug sie auch Bachs bekanntes Capriccio »Über die Abreise des geliebtesten Bruders« vor. Mit zwischendurch vorgelesenen einzelnen Satztiteln erstand es sozusagen szenisch und enthielt – auch im Vergleich mit jüngst erlebten Aufführungen bzw. gehörten Aufnahmen auf dem Klavier – eine besondere Innigkeit der Bruderliebe. Fast hätte man meinen können, die Abschiedstränen zu hören, weil sie die Musik dämpften. Doch still und leise heißt nicht automatisch traurig. Johann Gottfried Müthels Sonata F-Dur verriet einen großen Frohsinn!

16. August 2015, Wolfram Quellmalz

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