Durchdachte Salonmusik

Nicht immer kommen Nachwuchspianisten blutjung und wettbewerbsdekoriert vom Studium, um die letzten Sonaten von Mozart, Beethoven und Schubert oder ein Romantik-Programm mit dem »Liebestraum«, der »Träumerei« und einer Bearbeitung des »Schwans« zu spielen. Manche nehmen sich Zeit, setzen ihre Studien fort, entwickeln ein Repertoire und auch sich selbst. Preise hat Menachem Har-Zahav gewonnen, war aber darüber hinaus bereits Dozent, Leiter einer Klavierfakultät, studierte weiter. Mittlerweile lebt der israelisch-amerikanische Pianist in Deutschland. Am Sonnabendnachmittag war er erstmalig in Dresden zu Gast.

Im Pianosalon des Coselpalais zeigte sich Menachem Har-Zahav als erzählerisch versierter Pianist. Schon in Frédéric Chopins erster Ballade (g-Moll) bewies er seine gestalterische Stärke, blieb auf der Suche nach dem musikalischen Kern betont sachlich, ein wenig zu nüchtern vielleicht, überzeugte aber auch mit klarem Anschlag und maßvollem Pedaleinsatz. Chopins Ballade muß nicht zum wuchtigen Ungetüm aufgebaut werden!

Der Substanz der Werke war Menachem Har-Zahav auch im folgenden verpflichtet. Mit zwei Préludes (op. 32, Nr. 12 und Nr. 10) Sergej Rachmaninows sowie zwei seiner »Étude Tableau« (op. 33, Nr. 2 und op. 39, Nr. 5) blieb er seinem erzählerischen Stil treu und formte farbige Klangepisoden. Während Prélude Nr. 12 sommerliches Hitzeflimmern wie Leichtigkeit enthielt, kamen die folgenden drei Stücke immer dichter, mächtiger daher, jedoch ohne einer Endlosspirale der Steigerung zu folgen. Menachem Har-Zahav nutzte Ritardando und Ritenuto klug, um Schattierungen zu schaffen, betonte Nuancen, nicht Effekte.

Einen Schwerpunkt in seinem Konzert setzte der Pianist mit Werken George Gershwins. Abgesehen von »Three Preludes« waren es Bearbeitungen von ursprünglich Orchesterwerken: »An American in Paris«, »Rhapsody in Blue« sowie (als Zugabe) »I got Rhythm«. Neben den typischen Gershwin-Klängen zeigte dies aber auch, daß der Komponist zwar die Stile mixte, aus amerikanisch-volkstümlicher und Jazzmusik schöpfte, darüber hinaus jedoch wesentliche Impulse der klassischen Musik entnahm, sie entsprechend auch seinen Werken wieder einpflanzte. Menachem Har-Zahav wußte diese Vielseitigkeit zu beleben und reduzierte die Stücke nicht auf Glamour und Flitter der bekanntesten Hits.

Eingebettet zwischen Gershwins Preludes und seine »Rhapsodie« hatte der Pianist drei Stücke Claude Debussys in sein Programm genommen. Auch »La plus que lente«, »Danse« und »L’Isle Joyeuse« spielte er episodenhaft, voll Leichtigkeit und mit Spiel im Spiel. Das Programm war einerseits für den »Salon« gestaltet, entbehrte aber einen allzu leichten, rein unterhaltenden Charakter und schuf auch Bezüge. Beispielsweise zwischen Gershwin und Debussy – wie nahe sich »An American in Paris« und »Golliwogs Cakewalk« kommen können, war am Sonnabend auch zu ahnen.

9. August 2015, Wolfram Quellmalz

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