Wagner mit und ohne Fächeln

Übertragung der Bayreuther »Tristan-und-Isolde«-Aufführung im Kino (Rundkino Dresden)

Ganz ehrlich: Der kühlere Platz im klimatisierten Kino ist nicht der Vorteil, der zählt, auch wenn Moderator Axel Brüggemann das dem Publikum gerne suggerieren wollte. Als die Kamera den Saal des Bayreuther Festspielhauses zeigt und man das Publikum sehen kann, das – die Herren im Hemd mit abgelegtem Überrock – sich fleißig Luft fächelt, in diesem Moment hätte ich gerne mit jedem dort getauscht! Nein, der Vorteil der Kinoübertragung ist ein anderer, aber dazu später mehr.

Inhalt der Oper (»Handlung in drei Aufzügen«)

»Tristan und Isolde« ist schnell erzählt. Es ist wahrscheinlich die handlungsärmste Oper Richard Wagners, zumindest, wenn man nach Aktion pro Minute (oder Stunde) geht. Wesentliches passiert(e) schon in der Vorgeschichte, die Wagner – anders als beim »Ring« – gar nicht zeigt: Der irische König Morold wollte in Cornwall den fälligen Tribut eintreiben. Doch Cornwall strebt nach Unabhängigkeit, Morold wird erschlagen – von Tristan, den Morold im Zweikampf aber verletzt hat. Die Klinge seines Schwertes war mit Gift präpariert, daher heilt die Wunde nicht. Tristan begibt sich, als »Tantris« getarnt, zu Isolde, der Verlobten Morolds, die Wunde heilen zu lassen. Obwohl sie Tristans wahre Identität erkennt, gewährt Isolde ihm diese Hilfe – sie ist bereits in Tristan verliebt. Der gesundete Tristan kehrt heim und überredet seinen Onkel, König Marke, sein Witwertum zu beenden und Isolde zu heiraten.

Hier nun setzt die Oper ein: Tristan wurde nach Irland geschickt, Isolde, Markes Braut, zu holen. Auf der Überfahrt, an Deck eines Schiffes, will Isolde mit ihm sprechen. Nach langem Zögern willigt er ein, ist auch bereit, einen Sühnetrank mit Isolde zu trinken und das Vergangene damit zu besiegeln. Doch statt eines Sühnetrankes wollte Isolde beiden einen des Todes reichen, um mit Tristan sterben. Brangäne, Isoldes Verbündete, tauschte den Trank jedoch aus Sorge um ihre Herrin aus – ein Liebestrank entflammt beide neu und endgültig. Einander umarmend, ineinander versunken, landen sie in Cornwall.

Die neuentfachte Liebe ist stärker als jede Vorsicht – trotz eindringlicher Warnungen Brangänes gibt Isolde Tristan das Zeichen für ein heimliches Stelldichein im Garten (sie löscht eine Fackel). Tristan erscheint, doch währt das Glück nicht lang – mit dem Einsetzen des Morgengrauens werden die Liebenden von Melot, einem Freund Tristans, der aber beide der Untreue bezichtigt hat, und König Marke entdeckt. Im Streit verwundet Melot Tristan.

Tristan wurde von seiner Gefolgschaft auf die Burg seiner Väter in der Bretagne gebracht. Hier harren Sie aus, doch Tristans Verwundung ist schwer, heilt nicht, er liegt im Fieber. Tristan wartet auf Isolde, fragt mehrfach, ob sie nicht mit einem Schiff käme. Sein Getreuester, Kurwenal, um Tristans Heil und Wohl besorgt, verspricht ihre Ankunft »noch heute«. Isolde kommt tatsächlich, Tristan ist überglücklich, jedoch ist es zu spät – sterbend sinkt er an ihre Brust. Schlimmer noch: ein zweites Schiff folgt, mit Marke, Melot und den ihren. Marke hat mittlerweile vom Liebestrank erfahren – dies zeigt ihm, daß Tristan nicht untreu, sondern durch Zauber betört gewesen ist. Er ist gekommen, Isolde ihm zu überlassen, indes die Situation am Tor eskaliert. Kurwenal und Melot finden den Tod. Isolde stirbt nicht durch ein Schwert, sondern den »Liebestod«. (Laut Wagner sinkt sie entseelt hernieder.) Marke bleibt erschüttert zurück.

Die Bayreuther Inszenierung

Katharina Wagner nimmt auf die Vorgeschichte Bezug und darauf, daß Tristan und Isolde bereits verliebt ineinander sind – den Liebestrank brauchen sie bei ihr gar nicht. Der erste Aufzug spielt denn auch nicht auf dem Deck eines Segelschiffes, sondern in einem Labyrinth von Treppen, die überallhin führen. Nicht ins nichts, aber auch nicht zueinander. Statt Verbindungen sind es Hürden, Barrieren, die noch dazu von den Getreuesten der beiden – Kurwenal und Brangäne – gekappt, zerstört werden – sie wollen nicht, daß Tristan und Isolde zusammenfinden, wollen Unheil verhindern. Als sich beide dennoch in den Armen liegen, gießen sie den nicht benötigten Liebestrank aus.

Das Bild ist vor allem eines: dunkel und düster. Stringenz und Intensität bleiben ihm jedoch versagt, zumal der gesungene Text (Tristan steuert das Schiff?) oft nicht paßt. Treppen fahren herauf, herunter, knicken weg – spannend ist das nicht. Zwar bleibt hektischer Aktionismus aus, gleichzeitig wirkt dies alles aber auch lähmend statisch. Klarer Vorteil für den Kinobesucher: statt des stehenden Bühnenbildes kann er vom Filmschnitt profitieren, ist nah beiden Personen in wechselnden Perspektiven.

Während man der Idee und Stimmung des ersten Bildes noch folgen kann, verliert sich das zweite in purer Düster- und Wirrnis. Aus dem heimlichen Stelldichein im Garten und der Entdeckung im Morgengrauen macht Katharina Wagner von Anbeginn die Gefangenschaft in einem unterirdischen Folterraum, verdreht die Geschichte. Marke beobachtet Tristan und Isolde durch Fenster, als wären sie Teil eines Laborexperimentes. Boden und Wände sind voller Stangenbögen und Käfige, die sich auch bewegen oder wegbrechen, wenn man sie zu erklimmen versucht – es gibt kein Entkommen. Erneut taucht der Zaubertrank auf, Tristan und Isolde dekorieren ein provisorisches Zelt, das sie wohl vor Blicken schützen soll (von denen sie aber eigentlich nichts wissen können) mit Leuchtsternen, verletzen sich. Mutwillig? Sie öffnen sich weder ihre Pulsadern noch wollen sie Blutsbrüderschaft schließen. Wäre da nicht die Musik – düsteres Durcheinander, Belanglosigkeit!

Mit wenig Requisite aber reichlich Projektionen und Doubles erschaffen Regie und Ausstatter (Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert) im dritten Aufzug die Wahnwelt des fiebernden Tristan. Tristan glaubt Isolde zu sehen (mehrfach fragt er Kurwenal »Siehst Du sie nicht?«) – Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert zeigen insgesamt sieben Isolden, die jedoch alle falsch sind. Sie zerbröckeln, verlieren den Kopf, erweisen sich als mechanischer Puppenkörper, verbluten, fallen – Schimären! Erneut wird der Liebestrank ausgeschüttet – Tristan steigert sich in Sehnsucht und Wahn, bis die echte Isolde schließlich erscheint. Tristan stirbt auch bei Katharina Wagner – doch Isolde? Isolde stirbt nicht – in ihr, ja, in Isolde – da ist wohl etwas abgestorben, aber Isolde überlebt. Katharina Wagner verweigert ihr den Liebestod als Lebensende. Marke erweist sich als mächtiger König, als Gewinner – sein Gewinn ist Isolde, die er mitnimmt und die sich mitnehmen läßt. Man bedenke, daß dieses Königsrecht durchaus gängig war, oder man erinnere sich an Wagner selbst und sein Verhältnis zu Matilde Wesendonck, an die vielen Anklänge an die »Wesendonck-Lieder« im »Tristan«. Was nicht heißt, daß Katharina Wagners Konzept (Konzept?) schlüssig wäre – mit dem nicht getrunkenen Liebestrank fehlt Marke auch der Grund, Tristan zu verzeihen. Bei Katharina Wagner folgt er Isolde nur, um sie – das Experiment zu beenden – an sich zu reißen.

An Ideen mangelte es Katharina Wagner (wieder) nicht, allein: sie purzelt gar zu sehr und gewollt durcheinander. So wird das Stück zur Ideen-Show, überzeugt aber nicht. Daß den Bildern die Zusammenhänge fehlen, ist ein Mangel von vielen.

Thomas Kaisers Kostüme sind in dieser entrückten und unbestimmten Welt unbestimmt zeitlos. Er verzichtet auf Königsprunk wie eine Krone. Für Tristan und Isolde wählte er blaue Stoffe, für Marke und dessen Gefolge senfgelbe Töne, Parteilichkeit, nun ja… Dafür gönnt er ihnen kleine Verspieltheiten. Vorteil Kinobesucher: er kommt näher heran und kann auch die kubistischen Puppengesichter der falschen Isolden erkennen.

Dreiecke

Das Motiv des Dreieckes soll hier nicht unberücksichtigt bleiben, da es in vielen Rezensionen auftaucht, also wichtig genommen wird. Als Symbol ist es vor allem eines – Symbol, mehr sollte man nicht daraus machen. Zwar lassen Katharina Wagner, Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert schon die ersten beiden Bilder auf einem dreieckigen Grundriß spielen, doch drängt sich dies nicht übermäßig auf. (Und noch einmal Vorteil Kinobesucher: er bekommt auch die Draufsicht geboten.) Wirklich ins Bild rücken die Dreiecke im letzten Akt, wenn die zum Projektionsrahmen um die falschen Isolden werden. Fazit: als Symbol mit Maßen genutzt – ich kann noch Dreiecke sehen!

Besetzung

Diese Besetzung war erstklassig! Stimmliche Präsenz, Ausdruck, Spiel, Verständlichkeit – es war einfach großartig. Stephen Gold gilt als derzeit vielleicht bester Tristan – zu Recht! Er war beeindruckend, gewaltig, hingebungsvoll. Auch in dieser Aufführung (der dritten) hielt er durch, ohne Kraftreserven mobilisieren zu müssen – im Gegenteil: seine Textverständlichkeit war hervorragend bis zum Schluß. Nicht weniger überzeugte die erst vier Wochen vor der Premiere eingesprungene Evelyn Herlitzius. Sie gab der Figur Persönlichkeit, ließ auch deren Rachegedanken glaubhaft auflodern, gestaltete aber gerade den Liebestod mit Weichheit – famos! Auch als Paar »funktionierten« die beiden hervorragend. Nicht minder berauschen konnte man sich am Spiel Georg Zeppenfelds. Mit herausragender Geschmeidigkeit überzeugte er, formte er Marke zu seinem Marke, gab ihm Charakter – einen starken, machtbewußten König und kühlen Manipulator. Als treuer und (nochmals) hingebungsvoller, geduldiger und leidensfähiger Gefährte zeigte sich Iain Patersons Kurwenal. »Treue« läßt sich auch im Charakter verankern und ohne erzählerisches Pathos zeigen. Christa Mayer als Isoldes Gefährtin Brangäne bekam für ihre Glanzvorstellung Riesenapplaus. Auch sie litt mit und führ die Herrin, blieb bis zum Schluß geschmeidig und kraftvoll. Doch konnte diese Besetzung auch in kleineren Rollen (fies: Raimund Noltes Melot) überzeugen.

Getragen wurde all das vom Festspielchor (Leitung: Eberhard Friedrich) und dem Festspielorchester. Christian Thielemann kennt Orchester und Haus bestens, so daß er die Gratwanderung zwischen süffig und durchdacht beherrscht und scheinbar beliebig, mit traumwandlerisch sicherer Selbstverständlichkeit Tempi und Farben anpassen, Nuancen abstimmen kann. Und: Er hat sich in der Tat (und wie im Interview mit Axel Brüggemann angekündigt) auf das Regiekonzept eingelassen, dem Liebestod einen Hauch Resignation der Machtrationalität verpaßt.

Christian Thielemann und Katharina Wagner haben diesen Abend geprägt, da lag die Assoziation, daß die Personen auf dem Kinoplakat nicht Tristan und Isolde wären, in einen Lichttunnel gingen, sondern Christian Thielemann und Katharina Wagner, nahe. (Der neue Musikdirektor und die designierte Alleinherrscherin des »grünen Hügels« – möge ihre Zukunft so lichtvoll sein!)

Kinoübertragung und -programm

Gleich am Schluß dann endlich war Christian Thielemann auch im Bild. Wo nämlich beim »Holländer« vor drei Jahren noch die Kamera auf den Dirigenten im Orchestergraben gerichtet war – während des Vorspiels nämlich (als er – wie ich mich erinnere – jungenhaft grinsend, endlich loslegen durfte) – gab es nun Kamerafahrten durch die Bühnenbilder. Dieses Extra für Kinoübertragung und Fernsehaufzeichnung gab es live im Festspielhaus natürlich nicht, dafür mußte der Kinobesucher aber bis zum Schluß auf Christian Thielemann im Bild verzichten. Da war er dann erschöpft übers Pult gesunken – eine fröhliche Posse, wie sich zeigte, wohl mehr für die Musiker im Orchestergraben als für die Kamera.

Schön auch – kann man jetzt schon von Tradition sprechen? – die Gespräche zwischen Axel Brüggemann und dem Musikdirektor. Der eine (Brüggemann) vor Begeisterung sprudelnd und mit Interpretationsansätzen vorpreschend, der andere (Thielemann) betont nüchtern und »verkopft«, schien den Musikjournalisten gerne zu foppen – köstlich! Information und Hintergrund kann auch unterhaltend sein, ganz unverkrampft und ohne aufgesetzten Boulevard-Klamauk, sondern für den Opernfreund.

Nicht alle Interviews waren so glücklich – was an sich nichts macht, dafür ist es live (und es war heiß). Jedoch erschien es bedenklich, als der interpretierende Brüggemann über die »Fallbeispiele« philosophierte, ob denn nun der Liebestrank getrunken werden müsse oder nicht und was denn daraus folge, und die eigentlichen Ideengeber (Katharina Wagner und Dramaturg Daniel Weber) darauf nicht recht eingehen konnten oder wollten.

Das Begleitprogramm zu den etwa vier Stunden Oper war mit Einführung und zwei längeren Pausenbeiträgen in den beiden Unterbrechungen umfangreich. Pausen in den Pausen gab es trotzdem. Auch fürs leibliche Wohl ist gesorgt, denn es gibt Erfrischungen, eine kleine Bar im Haus, und selbst um nach draußen zu gehen und an einem der nahegelegenen Geschäfte oder Bistros etwas zu holen, ist Gelegenheit.

Geklappt hat eigentlich alles. Technischen Pannen gab es keine, und Versprecher wie »Glenn Gould« statt »Stephen Gould« bei einer Interviewankündigung (Brüggemann) machen das ganze doch irgendwie netter. Wagner im Kino? Lohnt sich!

9. August 2015, Wolfram Quellmalz

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