Pianistische Charakterstudien

ARD-Preisträger Chi Ho Han in der Frauenkirche

Es gibt Preise, bei denen man sich fragt, für wen sie mehr bedeuten: für den, der den Preis vergibt, oder jenen, der ihn empfängt. Chi Ho Han hat schon viele Preise gewonnen, der ARD-Preis im vergangenen Jahr dürfte zu denen zählen, die zählen. Seit 65 Jahren ist es Anliegen, junge Talente zu fördern. Gerade die Unterstützung von Konzerten und Aufnahmen nach der Preisvergabe sind Teil des Programms. Am Sonnabend gab Chi Ho Han in der Unterkirche der Frauenkirche mit einem Klavierrecital seine Visitenkarte beim hiesigen Publikum ab, mit Beethoven, Schumann und Chopin – diese Karte sollte man aufbewahren.

Der südkoreanische Pianist zeigte sich vor allem als inspirierter Gestalter. Beethovens A-Dur-Sonate op. 101 lebte von einem eleganten Anschlag und einer feinen Nuancierung. Chi Ho Han gelang eine feine Zeichnung von Stimmungsbildern, die vor allem von großer Leichtigkeit getragen wurden. Damit förderte er verstecktes und subtiles zutage, kitzelt Humor oder groteskes hervor. Ebenso kultiviert wie der Anschlag ist sein Umgang mit dem Pedal. Chi Ho Han hat einen Sinn dafür, Stücke sich entwickeln zu lassen, aus der musikalischen Substanz zu schöpfen, auf Manierismen, aufgesetzte Attitüden oder Effekte zu verzichten.

Chi Ho Han zeigte sich als versierter Gestalter, konturierte scharf und deutlich, blieb fern von übertriebenem Gestus oder überspitzter Brillanz. Seine manchmal allzu deutliche Darstellung, vor allem der Charakterstücke, hatte aber auch eine überbeanspruchende Intensität, das war auf die Dauer etwas viel. Dabei ist der Pianist durchaus in der Lage, Nuancen zu unterscheiden, doch gerade im zweiten Teil, bei Schumanns »Kreisleriana« hätte er stärker auf diese Nuancierung setzen, den feinen Schattierungen vertrauen sollen. Den psychologisch verschlungenen Charakteren des Schumann’schen Stückes hätte diese Dichte zu noch mehr Raffinesse verholfen.

Was vor allem beeindruckte, war die Stringenz, mit der Chi Ho Han musikalische Bildwerke formte, vielschichtig, dramatisch ausformulierte. Und dies eben immer mit Leichtigkeit. In Chopins Préludes op. 28 zauberte er nicht nur kleine Miniaturen aus seinem Flügel, sondern schaffte auch Bezüge untereinander. Immer wieder bildete er Paare oder kleine Gruppen innerhalb der Préludes, die sich gegenseitig anregten – statt einer Kette einzelner Stücke gestaltete Chi Ho Han einen kohärenten Zyklus. Auch beherrscht er das Spiel mit den Rubati, staut Klangwelten dramatisch auf, verschleppt sie aber auch wieder in Entspannungsmomenten. Damit gab er den 24 Préludes einen Rahmen, bettete auch die berühmten »Regentropfen« ein. Gerade diese ließ der Pianist sostenuto, mit Nachdruck, erklingen, wo andere am schlichten scheitern oder mit Bedeutung überladen – dramatisch gewichtiger ist aber das nachfolgende Presto con fuoco, von Chi Ho Han mit Furor gespielt.

Als Zugabe, als Notiz auf der Visitenkarte sozusagen, verblüffte der junge Pianist seine Zuhörer noch mit einer Improvisationsphantasie über Mozarts »alla-turca«-Satz aus der Sonate Nr. 11.

19. Juli 2015, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s