Reden ist Silber – kein Gold in Venedig

Carlo Goldonis Komödie »Das Kaffeehaus« in der TheaterRuine St. Pauli

Das Stück ist wie gemacht für die TheaterRuine: es wird viel geredet, es gibt Verwechslung und Durcheinander, dazu mehrere Balkonszenen zwischen drei Häusern. Das eine paßt zum Repertoire des Ensembles, die räumlichen Voraussetzungen mit Emporenbalkonen jeweils rechts und links der Bühne könnten besser nicht sein. Am 26. Juni feierte das Stück seine Premiere, am 20. Juli waren die Neuen (musikalischen) Blätter in einer Repertoirevorstellung.

»Das Kaffeehaus« spielt auf einem Platz in Venedig, 1750 sagt eine Tafel in der TheaterRuine (dem Jahr der Uraufführung), daß es Winter ist, erfährt man aus Goldonis Text. Winter in Venedig – während Kaffeehausbesitzerin Sophia (Ingrid Schütze) den Tag frohgemut beginnt, ist es ihren beiden Angestellten (Jan Dietl und Ronald Krieschnick) noch zu früh. Außerdem haben sie ein Mißtrauen gegen das Wetter. Doch früh um acht ist die Welt eben leider nicht mehr in Ordnung (um sieben ist sie es nach James Last noch gewesen). Denn nebenan im Spielcasino hat Eugenio (Björn Schröder) die ganze Nacht gesessen und verloren – 100 Zechinen in Bar (seinen Tagesverdienst) und weitere 30 »auf Ehre«. Diese muß er nun schnellstens beschaffen, denn der Conte Leandro (Holger Tempels) wartet auf seinen Gewinn. Don Marzio (tückisch: Lutz Koch) ist ihm keine Hilfe. Erstens hat der selbst nicht so viel Geld, zweitens hat er ihm bereits zehn Zechinen geliehen und vor allem ist er drittens ein übles Klatsch- und Lästermaul. Seine Ratschläge sind so schlecht wie sein Reden laut, mit dem er Geheimnisse, Unwahrheiten und Peinlichkeiten in die Welt posaunt.

Nebenan gibt es einen Barbier, aber im Kern dreht es sich um die Personen des Kaffeehauses und der Spielcasinos. Sören Haas gibt den patenhaft-anrüchigen Besitzer im Rollstuhl. Dem glauben? Dazu kommen noch die Damen: Eugenios betrogene, aber auch zänkische Frau Vittoria (Barbara Elsner) sowie jene Flaminios. Flaminio? So wie der als »Conte Leandro« auftritt gibt sich Placida (Carola Polan) als Pilgerin aus – sie sucht ihren Mann. Was aber zunächst niemand weiß, und so traut ihm auch die Ballerina Lisaura (Julia Freund) und läßt ihn – mit der Aussicht auf eine Heirat – in ihr Haus.

Nein, das konnte nicht gut gehen! Das riecht nach Betrug und Amoral, ruft aber auch nach einem, der all das richtet. Das ist der Kaffeehausbesitzer, bei Goldoni Ridolfo, hat die TheaterRuine diese Rolle als Sophia umbesetzt. Um 1750 wohl kaum denkbar, verleiht der Kniff der Figur eine weibliche, schlichtende, zuweilen sogar mütterliche Rolle. Ingrid Schütz hebt sich von den Geschäftsmännern ab, das eröffnet dem Stück aber auch eine neue Lösungsmöglichkeit: könnte der unstete, ungetreue Eugenio nicht mit Sophia ein neues Leben beginnen?

Goldonis Text ist voller Dialoge, schneller Szenen und ebensolchen Entwicklungen – das typische Leben in einem venezianischen Kaffeehaus im Zeitraffer. Das Team der TheaterRuine um Jörg Berger hat den Text leicht gestrafft, so daß sich Kurzweil und Fluß die Waage halten, aber die enthaltenen Mosaiksteinchen auch herausgeputzt. Wer konnte anno 1750 schon ahnen, daß der Satz »Pilgern ist jetzt Mode« (Eugenio) in unseren Tagen eine mehrschichtige Aktualität haben würde?

Gegenspieler Sophias und Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist Don Marzio. Und da nicht alle Anspielungen von 1750 heute mehr interessant sind oder verstanden würden, stichelt er im dritten Akt sogar gegen die TheaterRuine. Leandro hätte keinen Geschmack, wenn ihm das gefiele…

Obwohl die Handlung zeitlich bei Goldoni belassen wurde, hat ihr Jörg Berger unsere Sichtweisen und Erfahrungen mitgegeben. Am stärksten kommt dies bei Eugenio zum Ausdruck: Wo Goldoni noch einen flatterhaften, wohl überforderten Kaufmann karikierte, zeigt Björn Schröder dem Publikum einen kranken, von seinen Süchten getriebenen Menschen, der zittert, schwitzt, giert, ungerecht ist und bei einem einmaligen läppischen Gewinn von sechs Zechinen (!) toll wird. Er kann weder aufhören noch das geborgte oder gewonnene Geld behalten. Statt als Kaufmann zu arbeiten – Sophia war es, die sein Tuch gut verkaufte, damit er wieder »flüssig« würde! – geht er es mit seinen »Freunden« verprassen. Freunde? Es sind Betrüger und Schwätzer, die ihm nur schaden…

Vor dem großen Finale kommt es erst einmal zum Krach (erst muß der Konflikt da sein, bevor man ihn löst). Ganz unblutig geht es zu, wenn Eugenio und Leandro / Flaminio mit Rührlöffeln und anderen Küchengeräten aufeinander losgehen und Sophia mit einem Plastegewehr Einhalt gebietet. Zu spät – Eugenio ist verletzt. Am blutendem Finger leidend fügt Björn Schröder der Figur auch etwas lächerlich-bedauernswertes hinzu.

Ausstatterin Theresa Schneider hat das Kaffeehaus mit ein paar Klappstühlen verwirklicht, ansonsten gibt es etwas Licht und Schall – das genügt. Daß man hier mit Ambition viel erreichen kann, haben die Darsteller, Laien zum Teil, schon mehrfach bewiesen. Daß es angenommen wird, bewiesen die vielen Zuschauer an einem Montagabend. Lustig allein reicht eben nicht – da zählt wohl auch die Arbeit an Stück und Text.

Spaß kann man auch ernst nehmen und sich fragen, ob eine Bekehrung so vieler (Falsch-)Spieler denn glaubwürdig wäre, wie es Goldoni in seinem (Lehr-)Stück vorgesehen hat. Und so findet die TheaterRuine ihren eigenen Schluß (im doppelten Sinne).

»Das Kaffeehaus« – auch im August und September im Spielplan.

21. Juli 2015, Wolfram Quellmalz

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