»Die Stimme des Kindes« in der Annenkirche

Universitätschor Dresden und Autor Volker Sielaff mit Werken zu den Themen Kind und Liebe

Zum reichhaltigen Musikleben Dresdens gehören nicht zuletzt zahlreiche nichtprofessionelle Chöre. Daß sie mit viel Liebe zur Musik und kundiger Anleitung eine erstaunliche Qualität der Darbietung erreichen, konnten sich die Zuhörer am Sonnabend in der Annenkirche überzeugen.

Der Universitätschor Dresden setzt sich im wesentlichen aus Studenten und Angestellten der Technischen Universität zusammen, die neben Studium, Lehre oder Arbeit das Singen über eine reine Freizeitbeschäftigung hinaus mit einem künstlerischen Anspruch verbinden wollen. Außer Leiterin Christiane Büttig, die auch das Konzert dirigierte, stehen den Choristen mit Robert Schad (der das Programm ebenfalls mit vorbereitet hatte) und Alexandre Balzamo zwei erfahrene Assistenten zur Verfügung.

Das Konzert (eine Woche zuvor bereits in der Kreischaer Kirche aufgeführt) setzte sich ganz aus Werken skandinavischer und baltischer Komponisten, mit einer Ausnahme allesamt Zeitgenossen, zusammen. Die Chor- und Volksmusik dieser Länder ist viel präsenter im Alltag, viel weniger entrückt als bei uns. Die Verbundenheit der zeitgenössischen Musik des Nordens beruht dabei auch auf der Tradition. So greifen die Lieder unserer Tage auch Texte von Nikolaus Lenau oder William Shakespeare auf. »Kind« und »Liebe« wurden dabei eher im philosophischen Sinne, als Metaphern, behandelt: Das Kind hat keinen Namen, ist niemandes Kind, sondern steht als Symbol, als Wert, wird mit Mutter und Engeln in Beziehung gesetzt. Und auch Pēteris Vasks Liebeslieder beziehen ihre (Aussage)Kraft nicht aus Freud und Leid, Sonnenschein und Fröhlichkeit, sondern vor allem aus dem sinnierenden Gedenken an einen Abwesenden oder im Rückblick.

In relativ kleiner Besetzung (vierzehn Männer- und zwölf Frauenstimmen) stellte der Chor die Gedanklichkeit der Werke besonders heraus, verlieh Hoffnung Schimmer und Bitte Innigkeit. Christiane Büttig legte Wert auf klare Akzentuierung, gezielte Betonung, (nordische) Klarheit. Dabei erreichten die Sänger ein hohes Maß an Homogenität und Verständlichkeit. Und dies bei nicht geringen Ansprüchen, denn nicht nur in den Sprachen (Deutsch, Latein, Englisch, Lettisch, Schwedisch sowie eine aus italienischen und lateinischen Silben geformte Kunstsprache!) mußten sie sich beständig umstellen, auch die Ausdruckswelten und Kompositionsstile unterschieden sich gewaltig. Von wiegend bis dissonant reichte schon Jaakko Mäntyjärvis titelgebendes Lied, auch Einojuhani Rautavaaras »Die erste Elegie« reizte den dramaturgischen Verlauf des Rilke-Textes vom Lamento mit stetigen Wandlungen bis zum hinreißenden Schluß aus und fügte noch zwei Solisten (Sopran und Alt) hinzu. Besonders betörend gelang Arvo Pärts »Da Pacem Domine«, das dem relativ kurzen Text eine große Weite gibt und durch die Zerlegung in einzeln betonte Silben einen meditativen Charakter bekam.

Zwischen den Liedern las der aus Großröhrsdorf stammende Autor Volker Sielaff aus seinen Werken. Auch hier war »das Kind« Metapher, hatte Symbolkraft. Es fragte nicht, sondern erklärte, war aber auch »das Kind« in der Erzählung über einen Vater.

Besonders beeindruckend – sowohl im Text wie in der Darbietung – gelangen die Liebeslieder Pēteris Vasks‘. Das vierte, von Volker Sielaff auch noch einmal vorgelesen, war schließlich Zugabe und Abschluß des Abends.

21. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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