Sinfoniekonzert im Konzertsaal der Dresdner Musikhochschule

Was schlicht »Absolventenkonzert« genannt wird, ist ein beeindruckendes und (in jeder Hinsicht) weitgreifendes Projekt. Denn was so klingt, als seien es nur Abschluß- oder Prüfungskonzerte für Studenten, sind umfangreiche Kooperationen mit Orchestern und Theatern, auch über die Landesgrenzen hinaus. Seit 2006 schon besteht die Zusammenarbeit mit der Erzgebirgischen Philharmonie Aue, hier ist das »Absolventenkonzert« sogar als zehntes Sinfoniekonzert im regulären Plan des Orchesters verankert. Nach Aufführungen und Aue und Annaberg reisen die Musiker nach Dresden, wo das Programm im Konzertsaal der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber noch einmal wiederholt wird. Dabei ist die Herausforderung für beide Seiten groß, gilt es doch, sich auf wechselnde Solisten und Dirigenten ebenso umzustellen wie auf ganz unterschiedliche Konzertsäle einzurichten. In Atmosphäre und Akustik sind ein Kulturhaus, eine Kirche und ein moderner Konzertsaal eben sehr unterschiedlich.

Carl Maria von Weber hat die märchenhafte Welt des Elfenkönigs »Oberon« in seiner letzten Oper nachgezeichnet. Schon in der Ouvertüre, deren Einleitung Horn und Celli eine zauberische Tönung verleihen, beschwört er eine romantische Sagenwelt. Burkhard Götze, der am Freitag für den ersten Teil den Taktstock übernahm, ließ das Orchester in diesem Farbenreichtum schwelgen, betonte mit der dem Stück innewohnenden volkstümlichen Ausgelassenheit den Märchencharakter, entschleunigte aber auch den Mittelteil. In Wellen und wogend ließ er Themen hervortreten und führte die Ouvertüre mit – im besten Sinne – viel Schwung zum Abschluß.

Fliegender Wechsel – nun übernahmen Elsine Haugstad (Leitung) und Sunhwa Lee (Violine) die Hauptrollen in Sergej Prokofjews zweitem Violinkonzert. Was blieb – der Schwung. (Über einen Mangel an Lebendigkeit, Lebhaftigkeit oder Begeisterung sollte man sich während des ganzen Konzertes nicht beklagen können.) Elsine Haugstad strahlte eine große Souveränität und Ruhe aus, leitete sicher durch das Werk, das den Zuhörer immer wieder mit Wechseln und Brüchen überrascht, statt lange Verarbeitungen von Themen auszuführen. Für die Solistin bedeutete dies, klare Leichtigkeit und herzhaftes Zupacken mühelos aufeinanderfolgen zu lassen. Doch wurden hier nicht schroffe Gegensätze beschworen, sondern vielmehr Welten stimmig verbunden. So huschten im ersten Satz Nachtelfen (Flöten) durch den Saal – ein Gruß an Oberon? Besonders schön gelang der zweite Satz, wasserklar. Sunhwa Lee spielte mit samtigem Ansatz das lyrische Thema, Elsine Haugstad ließ Solistin und Orchester dann in der Wiederholung süß verschmelzen. Während die Fagotte noch einmal das Thema spielten, sang die Solovioline lerchengleich. Nach den lyrisch geprägten ersten beiden Sätzen trumpfte dann der dritte reichlich auf. Immer weiter ließ Elsine Haugstad Orchester und Solistin sich steigern, Solofarben der Harfe und der Kastagnetten (die Uraufführung des Werkes fand schließlich in Madrid statt) aufflammen. Sunhwa Lee beeindruckte vor allem mit Mühelosigkeit und einem Sinn für die melodiöse Gestaltung.

Nach der Pause folgte Johannes Brahms‘ zweite Sinfonie. Unter Yukari Saitos Leitung entfaltete die Erzgebirgische Philharmonie herrlichen Streicherglanz auch bei verhältnismäßig kleiner Besetzung (sechs erste Violinen). Solch ein homogener Orchesterklang läßt sich nicht einfach »kreieren«, er wächst auch aus einer ununterbrochenen Tradition (in diesem Fall mehr als 125 Jahre). Um so schöner, wenn Tradition und Ausbildung dann so zusammenkommen wie hier! Auch mit den Holzbläsern zeichnete Yukari Saito Brahms‘ Themenwelt reich nach, vor allem im dritten Satz. Etwas weniger sein dürfen hätte es dagegen manchmal schon, wenn Blechbläser und Pauken wahre Gewalten entfesselten. Zumindest zum Teil ist dies aber auch der Situation (u. a. wechselnde Räume mit unterschiedlicher Klangausbreitung und Nachhallzeiten) geschuldet. Im vierten Satz schließlich, dicht und lebendig, scheint Brahms die Sommerlust des Jahres 1877 eingefangen zu haben. Große Begeisterung herrschte da nicht nur beim Publikum, sondern auch beim Orchester, das einmal sitzenblieb und Yukari Saito den Applaus allein überließ.

Die »Absolventenkonzerte« der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden werden in der nächsten Ausgabe der Neuen (musikalischen) Blätter (Nr. 17 erscheint in der ersten Julihälfte) noch einmal aufgegriffen.

20. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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