Das verdrehte Konzert

Französisch gefärbter Saisonabschluß der Dresdner Philharmonie

»Verdreht« war das 16. Konzert im Albertinum, das letzte Sinfoniekonzert der Saison nur in bezug auf die Programmfolge. Bevor die Philharmoniker – die ja sowieso ständig unterwegs sind – auf eine große Reise in Richtung England, Korea und Japan gehen, waren sie unter der Leitung ihres ersten Gastdirigent Bertrand de Billy und mit dem Starpianisten Jean-Yves Thibaudet noch einmal im Lichthof bei den Neuen Meistern zu Gast.

Statt der üblichen Reihenfolge mit einem kurzen Stück zu Anfang, einem Solistenkonzert und einer Sinfonie zu folgen, hatte man sich diesmal für den umgekehrten Weg entschieden: Vor der Pause wurde Henri Dutilleux zweite Sinfonie gespielt, danach folgten das Klavierkonzert von Aram Chatschaturjan sowie Maurice Ravels »La Valse«. Die Dramaturgie folgte also vom unbekannten zum Lieblingsstück, wenn man einmal als Gedankenspiel von einem »Durchschnittszuhörer« ausgehen will. Oder hatte jemand Angst, daß Zuhörer bei »klassischer« Reihenfolge schon in der Pause, also vor Dutilleux‘ Sinfonie gehen würden? Doch machte der verdrehte Ansatz musikalisch durchaus Sinn, folgte der Konzertablauf auch einer Steigerung der Expressivität.

Henri Dutilleux hat in seiner Sinfonie »Le Double« mit neuen Formen gespielt. Sowohl musikalisch-thematisch als auch strukturell stecken seine Werke voller Ideen. Die Behauptung, er habe sich den klassischen Formen oder einer klaren Zuordnung verweigert, ist also nur eine Phrase, zumal die Verweigerung ein destruktiver Akt ist und nur schwer mit dem schöpferischen Prozeß des Komponierens vereinbar scheint. So auch in »Le Double«. Dutilleux hat hier das Orchester aufgeteilt in eine kleine, um den Dirigenten versammelte Gruppe, und eine große, das übrige Orchester, das die erstgenannten einschließt. Auch im Ablauf und der Struktur weicht die Sinfonie von dem ab, was man kennt: Hier werden nicht Themen und Motive vorgestellt und verarbeitet, sondern musikalische Impulse, Motivpartikel eingestreut und verwendet. Beständig werden diese wiederholt und variiert, ohne daß dabei so etwas wie ein Variationssatz entsteht. Vielmehr werden die Partikel zwischen den Gruppen, selten auch Solisten, ausgetauscht. Dabei – und hier ist Dutilleux ganz »französisch« – hat die Instrumentierung einen gewichtigen Anteil, ist die Klangfärbung gegenüber der Struktur hervorgehoben. Mit Celesta und Cembalo sorgt Dutilleux für Verfremdung und exotische Eindrücke. Die Philharmonie ließ »Le Double« vor allem durch inbegriffene Rhythmen glänzen. Immer wieder trugen Läufe und Tonstufen zur Belebung bei. Als Ruheinsel erwies sich das im zweiten Satz enthaltene Nachtstück.

Aram Chatschaturjans Klavierkonzert ist eine Folge von Feuerwerken, die ein Höchstmaß an Brillanz von Solist und Orchester erfordern. Auf einen furiosen Beginn folgen aber auch Abschnitte, die in ihrer Klangfärbung durchaus an die französische Schule erinnern. Jean-Yves Thibaudet erwies sich von Beginn nicht nur als präziser Virtuose, sondern auch als Klangmagier, der impressionistisch perlende Kadenzen zu schwimmenden Traumbildern formte. Da hatten das Orchester und die Programmdramaturgen frappierende Parallelen aufgetan, denn auch bei Chatschaturjan gibt es ein Nocturne, auch der Armenier zog rhythmische, exotische Elemente in seine Musik ein. Nach einer liedhaft endenden ersten Kadenz des Solisten erwacht das Konzert mit dem vom Saxophon angeführten Orchester zu neuem Leben. Auch Chatschaturjan hat raffiniert instrumentiert, Bläser gegeneinandergesetzt, läßt die Klarinette verdämmern, die singende Säge solistisch einsetzen.

Der zweite Satz war die traumverlorene Melange einer weit entfernten Welt. Baßklarinetten gaben ihm einen matten Schimmer, über dem der Pianist schwebte. Zum Ende schienen sich der Klang des Orchesters und der des Solisten aufzulösen, wurden unhörbar zart – um im gleich anschließenden dritten Satz eine wilde Hatz zu beginnen. Voll Impulsivität, Volkstümlich- und Mutwilligkeit rasten die Musiker durch ganze Klangkaskaden, jagte Jean-Yves Thibaudet durch eine weitere Kadenz. Das war brillant – da wurden keine Noten verschludert oder verwischt, trotz allen Tempos.

Den Abschluß krönte Maurice Ravel. Sein »La Valse« ist Hommage und Persiflage des Wiener Walzers gleichermaßen. Bertrand de Billy nahm ihn als champagnerschäumendes Fest und wurde am Ende noch einmal heftig.

Derart vorbereitet dürfte das Dresdner Orchester auch auf seiner Gastspieltournee begeistern.

15. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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