Leonard Bernstein »A Quiet Place«

Dresdner Musikfestspiele

Das Stück

»A Quiet Place« ist Leonard Bernsteins letztes Bühnenwerk gewesen. Die Erwartungen an die neue amerikanische Oper und den wohl berühmtesten amerikanischen Komponisten und Autor der »West Side Story« müssen 1983 groß gewesen sein, erfüllt haben sie sich nicht. Bernstein hatte den Stoff bzw. die Personen (eine Familie) aus der einaktigen Oper »Trouble in Tahiti« wieder aufgegriffen und dreißig Jahre später in einem neuen Stoff verarbeitet.

Dinah, die Mutter, ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Die Oper beginnt mit dem Unfall, den der Zuschauer nur durch die beobachtenden Passanten erlebt. Es schließt sich eine Trauerfeier mit der Familie an: Vater Sam, seine Kinder »Junior« und »Dede« sowie François – Ehemann Dedes und Geliebter Juniors. Ringsum sind Freunde, Nachbarn, Randpersonen, welche die Situation kommentieren, »von früher« erzählen. Da die Kinder zu spät kommen und – wie sich erahnen läßt – die Familie jede Menge Konfliktstoff birgt, kommt es bald zum Streit. Zwanzig Jahre hat man sich nicht gesehen, man ist sich fremd, alte Verletzungen brechen auf. Die Konflikte sind latent, werden nicht gelöst.

Im zweiten und dritten Akt sind die Randpersonen und Kommentatoren verschwunden, es bleibt ein Vierpersonenstück. Zunächst (abends) schwanken Vater, Kinder und Schwiegersohn zwischen Annäherung und Abstoßung, verletzten einander und deuten Versöhnung an. Dann (am nächsten Morgen, dritter Akt) scheint diese Versöhnung durch einen Abschiedsbrief Dinahs möglich. Nun ist auch klar, daß sie sich umgebracht hat, daß es kein Unfall war. Ihr Vermächtnis: »Akzeptieren oder sterben«. Dies ist als Aufforderung zum Leben gemeint, sie selbst hat sich geopfert. Doch die heile Welt ist brüchig, nicht nur der psychisch labile Junior sorgt immer wieder für Aufruhr.

Im Gegensatz zu anderen Werken wurde »A Quiet Place« von Publikum und Kritik nicht positiv aufgenommen. Bernstein selbst sah Mängel im Werk und arbeitete es noch einmal um. Diese Eingriffe waren umfassend, so integrierte er zum Beispiel den Vorgänger »Trouble in Tahiti« in Form von Rückblicken und verlängerte das Stück zu einer abendfüllenden Oper. Nach der Uraufführung in Houston 1983 wurde die 1. überarbeitete Fassung 1984 in Mailand gespielt. Eine weitere Überarbeitung kam 1986 in Wien heraus – hier war bereits Kent Nagano beteiligt.

Der neue Leiter der Hamburgischen Staatsoper hatte das Werk und Bernsteins Bemerkung »There is something strong music in ›A Quiet Place‹« (Es gibt starke Musik in »A Quiet Place«) nicht vergessen. Einen der Gründe, weshalb die Oper nicht »angenommen« wurde, sahen Kritiker, aber auch Kent Nagano, in der Größe des Orchesters, welches auch moderne e-Instrumente enthält. Die Sänger können sich gegen diese Übermacht kaum durchsetzen, was um so schwerer wiegt, weil der Text in einfacher amerikanischer, also schneller Sprache geschrieben ist und auch sogenannte Scat-Passagen (»Stottergesang«) enthält. Schon für »Trouble in Tahiti« war von Garth Edwin Sunderland eine Kammer- bzw. Broadway-Fassung geschaffen worden. (Für diese Oper hatte es eine solche Fassung bereits gegeben, das Material ging aber verloren.) Dieses Vorgehen wandte man auch für »A Quiet Place« an, wofür man sich erneut der Mitarbeit Garth Edwin Sunderlands versicherte. Gleichzeitig wurden unter anderem die Rückblicke gestrichen, die Handlung gestrafft. Kommentierenden Personen gibt es nur noch im ersten Akt, die Erzählpassagen sind zugunsten der Handlung gekürzt. Damit konzentriert sich das Geschehen auf die vier Hauptpersonen, treten die Probleme (Inzest, Homo- / Bisexualität, Nichtbewältigung von Konflikten) schärfer hervor.

Die Dresdner Erstaufführung

Kent Nagano und das Ensemble Modern haben »A Quiet Place« 2013 im Berliner Konzerthaus als konzertante Aufführung auf die Bühne gebracht. Nach einer Europa-Tournee im April und Mai dieses Jahres war das Ensemble am 3. Juni bei den Dresdner Musikfestspielen zu Gast und trat in der Gläsernen Manufaktur auf. Die Besetzung hatte sich dabei nur in der Person der »Mrs. Doc« geändert, welche von der Dresdnerin Henriette Gödde gesungen wurde.

Der Ort paßt als – eigentlich opernfremde – Umgebung zum experimentellen Charakter der Aufführung. Denn als »Oper« ist »A Quiet Place« nicht klar einzuordnen. Sie enthält ebenso moderne klassische Elemente wie solche des Musicals. Gegeneinander singende und schreiende Passagen prägen vor allem den Beginn, nach und nach stellt sich immer öfter der Eindruck bzw. die Erinnerung des »Bernstein-Sounds« ein, aber meist nur kurz. Mit Zitaten arbeitet der Komponist auch, aber eher beiläufig, nicht kontextuell, sieht man einmal vom Thema aus dem Finale Mendelssohns e-Moll-Violinkonzertes als Metapher ab. »A Quiet Place« zeigt sich musikalisch aufgesplittert; Motive, Entwicklung oder Charaktere findet man eher im Text und den Personen. So nimmt man »A Quiet Place« auch weniger als Opernwerk, sondern als Szenenfolge wahr, die mit unterschiedlicher Intensität ansprechen. Im Mittelpunkt steht das Familiendrama. Die Konflikte werden nicht gelöst, sie treten aber zutage, während sie in »Trouble in Tahiti« noch verborgen blieben bzw. nicht besprochen wurden.

Die Aufführung in Dresden war konzertant, enthielt aber mit einigen wenigen Requisiten (Sarg, Tisch, Kiste) einige Hilfsmittel zur Untermalung. Georges Delnon hatte in der Einführungsveranstaltung darauf hingewiesen, daß dies auch nicht »halbszenisch« gemeint sei, erst recht nicht bei einem so kurzen, einmaligen Gastspiel. Im wesentlichen lägen die Handlungen bei den Schauspielern. Damit hatte er Recht. Zwischen den Akten wurden auf einer kleinen Leinwand Schwarz-weiß-Filme gezeigt. Amerikanische Familienidylle, Hochhäuser, Autos – was leider lapidar blieb. Das Lapidare hat Bernstein durchaus berücksichtigt, in den Kommentaren des Chores zum Beispiel, nur hat es dort einen Bezug. Die szenische Andeutung blieb Hilfsmittel, nicht Zweck, das Geschehen auf die Akteure konzentriert.

Die musikalische Umsetzung war erstklassig, beschwor immer wieder Stimmungen herauf und bestach vor allem durch Präzision und Rhythmen. Dafür erhielt Kent Nagano begeisterten Applaus (selbst dann, wenn man den Star-Faktor abrechnet). Sängerisch und spielerisch überzeugen konnten vor allem Claudia Boyle als Dede, Christopher Purves als Vater Sam und Jonathan McGovern als Junior, der für die Darstellung des unsteten, labilen Junior-Charakters den größten Applaus erhielt, während Benjamin Hulett als François etwas blaß blieb. Viel zum positiven Eindruck beigetragen haben die Schauspielerischen Leistungen der Sänger, die nicht nur die Tragödie des Alltäglichen bloßlegten, sondern auch die Ironie des Schicksals wie in den stereotypen Weisheiten der Menge oder der schicksalshaften Zufälligkeit, mit der die Familienmitglieder sie betreffende Worte auf den eingesammelten Teilen des zerrissenen Abschiedsbriefes wie ein Mantra lesen (oder wie den Spruch aus einem Glückskeks?).

Daß mit den Aufführungen des Ensembles Modern eine Renaissance von »A Quiet Place« eingeleitet wird, darf bezweifelt werden. Als fremdartiger Farbtupfer (an einem exotischen Aufführungsort), als Experiment war es auf jeden Fall eine Festspielbereicherung. Die Kombination Nagano-Festspiele-Stück sowie die Einmaligkeit des Erlebens waren hier passend gewählt. Mehrere Repertoirevorstellungen auf einer Studiobühne wie Semper2 hätten sicher nicht diesen Effekt erzielt.

4. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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