Auch in Kleinstbesetzung glänzend – Collegium 1704

»Le Nuove Musiche« hatten die Prager Musiker Ihr Programm diesmal übertitelt. Er bezog sich auf den Titel einer Druckausgabe neuer Musik Giulio Caccinis von 1602. Die damalige Epoche wird heute als eine des Wandels betrachtet, der sich, von Italien ausgehend, über ganz Europa verbreitete.

»Le Nuove Musiche« ist eine Sammlung von Liedern für Singstimme und Begleitung – kein Chor, kein Orchester diesmal, mit nur drei Musikern war das Collegium angereist: Vaclav Luks leitete wie immer und spielte Cembalo bzw. Orgel, Kateřina Ghannudi begleitete mit einer kleinen Barockharfe, Jan Krejča mit der Theorbe bzw. Gitarre (Vihuela). Mit vier Gesangssolisten (Francesca Cassini – Sopran, Julia Böhme – Alt, Václav Čižek – Tenor und Jaromír Nosek – Baß) dürften sie der damaligen Aufführungsidee also entsprochen haben.

Lange nicht (oder noch nie) hatte es beim Collegium 1704 ein so vielteiliges Programm mit einzelnen Liedern gegeben. Nicht nur die Werke verschiedener Komponisten wurden hier präsentiert, auch solche ganz unterschiedlicher Art oder für unterschiedliche Anlässe. Zwischen Madrigalen von Claudio Monteverdi und opernhaften Szenen wie Tarquinio Merulas »Aria sopra La Gioccona«) gab es viele Abstufungen und Vermischungen – Musik aus einer Zeit, in der weltliche und sakrale Werke manches gemein hatten, zum Beispiel, Geschichten zu erzählen. So war wohl auch Merulas an volkstümliche Tarantella-Musik erinnernde Arie für die Feier einer Heiligsprechung geschrieben. Heitere Singspiele und geistliche, verinnerlichte Gesänge standen hier nahe beieinander und wurden von den vier herausragenden Sängern mit großer Glaubhaftigkeit dargeboten. Beeindruckend war die Wandlungsfähigkeit aller vier, wobei vor allem Julia Böhme über ihre »offizielle« Rolle hinaus auch als Sopran II und tiefer Alt zu erleben war.

So wechselten Momente großer Innigkeit und Ergriffenheit, welche zuweilen bis zum jubelnden »Halleluja« gesteigert wurden, wie in einer Motette Bonifacio Grazianis, mit dramatisch ausgemalten Stücken gleich in der zweiten Motette Grazianis schleuderten Baß und Cembalo Blitze. Wunderbar und »modern« zweistimmig (Tenor und Baß) erklang Monteverdis »S’el Vostro cor Madonna«. Als ein Höhepunkt darf Gasparo Casatis als »concerto« bezeichneter Streit zwischen Dämon (Baß), Engel (Sopran) und Mensch (Alt) bezeichnet werden. Auch hier eine packende, geradezu szenische Aufführung, in der das Cembalo dem Dämon vorbehalten bleib, während dem Engel natürlich die Harfe zustand.

Neben den – wieder einmal – glänzenden Sängern waren die drei Begleiter sinnige Gestalter, die alle Stimmungen erzeugen konnten, von himmlischer Leichtigkeit bis zu packenden Rhythmen – eine heftig gezupfte Theorbe ersetzt da jede Pauke.

18. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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Ein Kommentar zu „Auch in Kleinstbesetzung glänzend – Collegium 1704

  1. Bei Konzerten von Collegium 1704 / Collegium Vocale 1704 ist jede Besetzung und jedes Programm etwas Besonderes!

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