Mit zunehmender Intensität und Kraft

Norbert und Gunter Anger interpretierten Sonaten für Violoncello und Klavier im Ballsaal des Hotels Königshof (Dresden-Strehlen)

Fast 120 Jahre umspannte das Programm, welches Vater Gunter (Prof. für Klavier an der hiesigen Musikhochschule) und Sohn Norbert (Konzertmeister Violoncelli der Staatskapelle Dresden) zusammengestellt hatten. Claude Debussys Werk ist nun, 1915 in Paris entstanden, genau 100 Jahre alt, Johannes Brahms hatte seine zweite Sonate 1886 am Thuner See geschrieben, Ludwig van Beethoven die seine (ebenfalls zweite) 1796 in Berlin.

Claude Debussys »Sonate re mineur pour violoncelle et piano« ist die erste von geplanten sechs Sonaten für verschiedene Instrumente (nur drei davon wurden vollendet). Das Werk ist stark von der Besinnung an die (französische) Barockmusik geprägt, jedoch keine Komposition im alten Stile oder gar ein Imitation. Vielmehr griff Debussy Formen und Strukturen auf, verwendet diese aber nicht rigide, sondern als Zitate oder Initiale für die ihm eigenen Klangfarben. So beginnt die Sonate mit einem »Prologue« – glasklar und perkussiv gab Gunter Anger Struktur und Rhythmus vor, einem immerwährenden Uhrpendel gleich – eine Zeitbrücke zum Barock. Das Cello dagegen scheint – auch wenn es stets auf das Klavier bezogen bleibt – frei von Rhythmus und »Zwang«, und so formulierte Norbert Anger einen erzählerischen, plaudernden Ton. Ohne Strenge ließ er Melodien frei schweben, lud zum Imaginieren ein – Abendstimmung in pastellenen Farben… In seinen letzten Satz – auch hier einer Steigerung bis zum Höhepunkt folgend, wie er in barocken Suiten üblich war – belebt Debussy das Zwiegespräch von Cello und Klavier, »malten« Norbert und Gunter Anger kleine, beinahe naturalistische Szenen voller Farben und Leichtigkeit.

Nach dem auf barocke Kontrapunktik und Struktur rückbesonnenen, aber flirrend lebendigen Werk folgte Beethovens Sonate für Klavier und Violoncello op. 5 Nr. 2, sozusagen auf halbem Wege zwischen Rameau und Debussy. Mit Ruhe und Bedachtheit, Pausen beginnt Beethovens Sonate. Schon das einleitende Adagio ist ungewöhnlich, steht doch an erster Stelle eines solchen Stückes der Wiener Klassik (dem das Werk trotz seines Entstehungsortes zuzurechnen ist) eigentlich ein prägnanter Kopfsatz, am besten in Sonatenhauptsatzform, der das thematische Material vorstellt und das gesamte Werk bestimmt. Statt dessen also Stille, getragene Innigkeit, die sich allmählich steigert. Gerade in dieser Ruhe liegt eine Kraft, gerade hier zeigte sich aber auch die Ausgeglichenheit des Interpretenduos, die sich in- und auswendig kennen – Familienbande helfen da sicher, erklären aber nicht alles. Mit der gefundenen, von Beethoven gespendeten Energie ging es in ein pulsierendes Allegro, genauer gesagt etwas mehr als ein Allegro (Allegro molto piu tosto presto). Immer gesanglicher wird der Cellopart, immer gesanglicher ließ Norbert Anger das Ex-Hekking-Ex-Vogler-Cello klingen – wer einmal studieren wollte, wie man ein maßvolles Vibrato einsetzt – am Sonntag ist Gelegenheit dazu gewesen.

Und noch einmal begab man sich auf eine Zeitreise, nun wieder »vorwärts« in Richtung Debussy. Der »Sommerkomponist« Johannes Brahms hatte während seiner ausgeprägten Sommeraufenthalte, am liebsten in den Bergen, Werke geschrieben, unter denen weniger wichtige oder gelungene im Grunde gar nicht auszumachen sind (im Gegenteil hat der extrem selbstkritische Komponist wohl vieles verworfen und vernichtet, was wir heute gerne kennen würden). Vieles davon ist sinfonisch, selbst Kammermusikwerke nähern sich der großen Form an, so auch seine Sonate für Violoncello und Klavier op. 99. Vom Sommer durchglüht, gedankenschwer, leidenschaftlich – eigentlich ist es ein kleines Cellokonzert, da kommt der (kleine) Konzertflügel manchmal schwer gegen das übermächtige Streichinstrument an. Aber auch bei Brahms gibt es leises Beben in der Musik, jede Faser lebt da, ist voller Intensität und Lust. Samtig und »ausvibriert« war der zweite Satz, da wurden Saiten aber auch scharf gerissen und geschlagen… Im dritten stellte sich wieder die Brahmssche sommerliche Lebendigkeit ein, die sich im Schlußsatz noch einmal steigert. Schwelgerisch spielten die beiden Angers und spielten mit den Tönen, den Klangeffekten, die bis Schostakowitsch vorauszuweisen schienen.

Etwas »langsames«, »leises« hatte sich der Vorsitzende des veranstaltenden Vereines und Orchester- sowie Instrumentenkollege von Norbert Anger, Andreas Priebst, gewünscht, wenn es eine Zugabe geben sollte. Aber nicht immer bekommt man, was bestellt wurde. »Langsam« oder »leise« war Nikolai Rimski-Korsakows »Hummel« jedenfalls nicht! Rachmaninows »Vocalise« traf es da wohl eher, die Zuhörer waren von beiden Zugaben begeistert.

11. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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