Der unauffällige Gast – Martin Helmchen verabschiedet sich mit einem Kammerabend aus seiner Dresdner »Residenz«

Spektakuläre Auftritte liegen ihm wohl fern, in Szene setzt sich Martin Helmchen nicht. Lieber läßt er die Musik sprechen, verliert sich darin, auch und gerade in Werken, die eine Zurschaustellung des Solisten nicht bieten. Wie Brahms‘ zweites Klavierkonzert, das er im Oktober in Dresden spielte, oder die Sinfonie für Klavier und Orchester von Vincent d’Indy (auf CD). Im Vergleich dazu fällt die Rolle des Pianisten in Wolfgang Amadeus Mozarts erstem Klavierquartett oder in Franz Schuberts »Forellenquintett« exponierter aus. Beide Werke waren zum Kammerabend im Hygienemuseum gestern zu hören, dazu gab es Robert Schumanns Romanzen op. 94 für Oboe und Klavier sowie die Fantasiestücke op. 73 für Klarinette und Klavier. Jedes Werk für sich also eine kammermusikalische Perle.

Und auch diesmal blieb sich Martin Helmchen treu, stand im Grunde gar nicht im Rampenlicht, war Primus inter pares und trat nur dann hervor, wenn dies klanglich im jeweiligen Werk begründet lag und erforderlich war. So wie in Mozarts Quartett, das er gemeinsam mit Heike Janicke (Violine), Andreas Kuhlmann (Viola) und Ulf Prelle (Violoncello) mit großer Klarheit und Übersicht spielte. Fast schon zu schlicht, verlieh Martin Helmchen seinem Part aber immer wieder mit energischen, starken Betonungen Akzente, ließ den Klang seines Flügels aber auch immer wieder sanft in jenen der Streicher gleiten. Die vier Musiker hoben das Werk im Großen Saal des Hygienemuseums über den Rang eines Kammermusikstückes hinaus. Ein (kleines) Konzert war dies, für Klavier und Streichtrio, das den freien Geist Mozarts atmete. Und im zweiten Satz, in der Antwort des Klaviers auf das Thema, schimmerte schon ein wenig Schubert hindurch, ein Vorgriff auf das Ende des Abends.

Schumanns Charakterstücke gehören beide unverrückbar zum Kanon für Oboe bzw. Klarinette. Martin Helmchen war einmal mehr ein unauffälliger Begleiter, der alle Aufmerksamkeit seinem jeweiligen Duopartner zuteil werden ließ. Johannes Pfeiffer verlieh den Romanzen Freiheit, großen Atem, aber auch eine gewisse Schärfe – auch hier keine laue Romantik, trotz aller Beschaulichkeit. Besonders sanft im Ansatz und fein in der Ausführung gelangen Fabian Dirr die Fantasiestücke, die er – mit vollem Risiko – hochemotional auskostete. Frappierend und vielleicht an diesem Abend am eindrucksvollsten war, wie sehr er die Satzbezeichnungen Schumanns (Zart und mit Ausdruck – Lebhaft leicht – Rasch und mit Feuer) in Klang formulierte. So treffend bekommt man dies selten zu hören! Hätte man die Anweisungen nicht gekannt, sondern aus der Darbietung ableiten sollen, sie wären gleichlautend gewesen wie bei Schumann.

Wie dies krönen? Ob diese Frage zur Programmgestaltung beigetragen hat, läßt sich hier nicht sagen. Quirlig und lebendig sprudelte diese Forelle, wild schäumte schon zu Beginn das Bächlein »im« Klavier. Die Variationen des namensgebenden Liedes kosteten die fünf Musiker (wie Mozart, außerdem Benedikt Hübner am Kontrabaß) dann mit jeder Note aus, trugen jeder eine Strophe aus dem Forellenleben bei – ein Album in fünf wunderschönen, höchst unterschiedlichen Blättern war es.

Das Konzert und Martin Helmchens Saison bei der Dresdner Philharmonie gingen in großer Innigkeit, aber auch »mit Schmackes« zu Ende.

7. Mai 2015, Wolfram Quellmalz

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