Furios – und kein bißchen »tragisch«

Daß Omer Meir Wellber Mozart und Haydn »kann«, hat er schon vielfach bewiesen. So war es ihm auch möglich, kurzfristig für den erkrankten David Zinman beim Gewandhausorchester einzuspringen. Nur eine kleine Änderung gab es im Großen Conzert am 23. April: Statt der Sinfonie A-Dur Hob. I:87 hatte der Dirigent jene in e-Moll (Hob. I:44) aufs Programm gesetzt, auf dem auch noch das Konzert für Violoncello und Orchester von Henry Dutilleux mit Truls Mørk sowie Franz Schuberts vierte Sinfonie standen. Alle Werke des Abends trugen Beinamen oder Bezeichnungen, die auf Tragik oder Trauer hinwiesen: Der Adagio-Satz aus Haydns Sinfonie – eine der wenigen in Moll – wurde anläßlich der Trauerfeier für den Komponisten gespielt, Dutilleux fügte seinem Konzert Textpassagen aus den »fleur du mal« Gustave Flauberts bei und Schubert bezeichnete seine vierte Sinfonie selbst als »Tragische«.

Omer Meir Wellber ist kein »Stürmer«, der wild gestikuliert und antreibt, als äußert Lebhaft darf man sein Dirigat aber dennoch bezeichnen. Dabei scheint er seine Musiker zu packen, ohne daß sie bedrängt wären – das Gewandhausorchester lebte diesen Haydn »organisch«, brachte ihn selbstverständlich hervor. Begeisternd war, wie Omer Meir Wellber einzelne Stimmen gestaltete und hörbar machte – das reichte weit über die Bläser hinaus. Selbst kleine Streichermotive schimmerten durch die Sinfonie, während man Oboen, Flöten oder Hörnern lauschte. Geschmeidig und elegant war das, mit einem gediegenen Adagio – tragisch? Nichts da!

Henri Dutilleuxs Welt ist eine andere. Mit sphärischen Klängen aus den Schlagwerken, die nach Sandrieseln und Wind klingen, beginnt er, erst mit dem einsetzenden Soloinstrument kommen »richtige« Klänge hinzu. Einzelne Passagen zunächst, denen das Orchester (nun auch die Streicher) antwortet, die es aufgreift. Zu großen Teilen imitieren auch Harfe, Bläser oder Celesta die Motive des Cellos. Flirrend, lebhaft, wie ein emsiges Insekt klang Truls Mørks Cello, aber auch klagend, hauchend oder melodiös wie ein munter singendes Gebirgsbächlein. Dutilleuxs Konzert ist abwechslungsreich, lebhaft, ausdrucksstark, jenseits der gewohnten Tonalität aber auch für heutige Ohren noch fremd, experimentell. Mit Omer Meir Wellber und Truls Mørk folgte man ihm gerne – dafür gab es als Zugabe noch eine sinnliche Sarabande von Johann Sebastian Bach. Die teilweise düsteren Texte hatte Henri Dutilleux seinem Werk übrigens nachträglich beigelegt. Ist es deshalb ein düsteres, tragisches Werk? Keineswegs!

Wer Mozart und Haydn »kann«, versteht wohl auch Schubert, so hoffte man. Omer Meir Wellber enttäuschte diesen »Kurzschluß« nicht. Prachtvoll und farbenreich gestaltete er das beeindruckende Jugendwerk, auch hier mit viel Raffinesse für kleine Details. Den Beinahmen hatte Schubert übrigens auch nicht auf den Charakter, sondern auf die grundsätzliche Einordnung der Sinfonie sowie der Tonart – beides nach dem damaligen Verständnis – gemeint. Eines der vielen Beispiele, in denen solche Nahmen irritierend sein können. (Immerhin sind sie zumindest historisch interessant, wenn sie vom Komponisten oder Autor stammen und nicht einer »Marketingidee« des Verlegers entspringen.) Das Andante erklang denn voller (süßer) Melancholie. Tragisch? Ach was…

24. April 2015, Wolfram Quellmalz

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